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Pfadmodellierung: Grundlagen

Dr. Matthias Naab
Dr. Marcus Trapp

In unserer Vision bieten nationale Gesundheitsplattformen den Patientinnen und Patienten vertrauenswürdige Gesundheitsinformationen und -services, die optimal für die jeweils aktuelle gesundheitliche Situation ausgewählt und aufbereitet sind. Die Grundlage solcher Patienteninformationspfade bilden sogenannte Pfadmodelle. Dieser Beitrag beschreibt, wie indikationsspezifische Pfadmodelle gestaltet werden können und wie damit sichergestellt wird, dass alle ausgespielten Gesundheitsangebote inhaltlich und situativ relevant sind.

Patienteninformationspfade sind das Herzstück unserer Vision einer digitalen Gesundheitsplattform (vgl. Entdecken statt suchen: Prototyp für eine nationale Gesundheitsplattform). Als Patienteninformationspfad (Patient Information Pathway) wird ein konkreter individueller Interaktionsdurchlauf einer Patientin oder eines Patienten bezeichnet, der für eine Indikation – immer passend zum Kontext – geeignete Services und Informationen aktiv anbietet. Ein Patienteninformationspfad enthält somit die Summe aller passgenau bereitgestellten Services und Informationen. Da sowohl der Krankheitsverlauf als auch die Informationsbedürfnisse individuell unterschiedlich sind, ist jeder Informationspfad anders – sozusagen maßgeschneidert. Für jede Indikation sind daher unendlich viele Patienteninformationspfade denkbar.

Pfadmodelle: Die Grundlage für Patienteninformationspfade

Um auf einer nationalen Gesundheitsplattform individuelle und personalisierte Patienteninformationspfade zu erzeugen, werden – als deren wichtigste Grundlage – indikationsspezifische Pfadmodelle verwendet. Mit einer neu geschaffenen Modellierungssprache sowie dem dazugehörigen Modellierungsprozess und Software-Werkzeugen können Expertinnen und Experten selbst ein Pfadmodell als Vorlage für den im Krankheitsverlauf auftretenden Informationsbedarf erstellen. Die so entstehenden Pfadmodelle berücksichtigen neben medizinischen Fragen auch das Thema Krankheitsbewältigung sowie alle organisatorischen und leistungsrechtlichen Themen, die im Behandlungsverlauf für Patientinnen und Patienten wichtig sind.

Bei der Pfadmodellierung durch Expertinnen und Experten (Patientenorganisationen, Fachgesellschaften etc.) (vgl. Pfadmodellierung: Aufgaben, Rollen und Zusammenarbeit) spielen Kontextinformationen – z. B. „Patientin ist schwanger“ oder „Patient wünscht konservative Behandlung“ – eine zentrale Rolle: Passend zum Kontext legt das Expertenteam fest, welche Gesundheitsinformationen und -services angeboten werden sollten. Auf diese Weise findet das Fach- und Erfahrungswissen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen seinen Weg in die Patienteninformationspfade.

Alle Pfadmodelle müssen zwei wichtige Fragen beantworten:

  • Welche der qualitätsgesicherten Angebote sind für die Indikation inhaltlich relevant?
  • Unter welchen Kontextbedingungen sind die inhaltlich relevanten Angebote für die Patientinnen und Patienten situativ relevant?

Evolutionäre Plattform

Dieser Artikel beschreibt das grundsätzliche Prinzip, nach dem indikationsspezifische Pfadmodelle als Grundlage für Patienteninformationspfade erstellt werden können. Er beschreibt jedoch nicht, wie, wann und von wem die Modelle erstellt werden. Denn in den verschiedenen Ausbaustufen der Plattform sind  jeweils unterschiedliche Varianten möglich. Um die Plattform schnell an den Start zu bringen, ist es möglich, die Pfadmodelle vollständig manuell sowie rein auf Basis der Expertise der Modellierenden zu erstellen. Mit der Zeit können immer bessere Software-Werkzeuge zur Verfügung gestellt werden, um die Modellierung zu unterstützen (z. B. automatisches Durchsuchen von Angebotsquellen nach neuen oder aktualisierten Angeboten). Die Automatisierung lässt sich immer weiter steigern, ggf. sogar bis hin zu einer vollautomatischen Pfadmodellerstellung.

Das gleiche Prinzip gilt für die Auswahl der Pfadmodelle, die als Nächstes von der Plattform unterstützt werden: Über die verschiedenen Ausbaustufen wird die anfänglich auf Expertise beruhende Auswahl immer mehr mit Software unterstützt (vgl. Pfadmodellierung: Kontextinformationen stiften schnellen Nutzen).

Die Modellierung inhaltlich relevanter Angebote

Jedes Pfadmodell wird spezifisch für eine Indikation erstellt. Als Grundlage für die Auswahl könnte die „Internationale Klassifikation der Krankheiten“ (ICD-11) dienen sowie weitere Klassifikationen, z. B. der Operationen- und Prozedurenschlüssel (OPS 2024) oder die Systematized Nomenclature of Medicine – Clinical Terms (SNOMED CT).

Ein Ziel bei der Modellierung eines Pfadmodells besteht darin, nur die Informations- und Serviceangebote aufzunehmen, die für die entsprechende Indikation inhaltlich relevant sind. So wird ausgeschlossen, dass den Patientinnen und Patienten in ihrem abgeleiteten Informationspfad unpassende oder für sie nebensächliche Angebote präsentiert werden. Bei der Zuordnung inhaltlich relevanter Angebote sind folgende Modellelemente zu berücksichtigen: Themen, Themengebiete und Phasen.

Themen

Um die richtigen Angebote auswählen zu können, werden zunächst die Themen festgelegt, die in Bezug auf die jeweilige Indikation relevant sind. Die Themen werden als Fragen aufbereitet, wie Patientinnen und Patienten sie typischerweise formulieren. Hier einige Beispiele für das Pfadmodell zu Kniearthrose:

  • Wie finde ich einen guten Facharzt, eine gute Fachärztin?
  • Wie kann ich mich auf einen Arztbesuch vorbereiten?
  • Wie behalte ich meine Medikamenteneinnahme im Blick?
  • Wie kann ich mich mit anderen Betroffenen austauschen?
  • Wann und wie erhalte ich Krankengeld?
  • Wann ist bei Kniearthrose eine Operation notwendig?
  • Habe ich das Recht auf eine ärztliche Zweitmeinung?
  • Wie finde ich ein passendes Krankenhaus?
  • Wie vereinbare ich einen Termin in einem Krankenhaus?
  • Wie bereite ich mich auf einen Krankenhausaufenthalt vor?
  • Wie funktioniert die bei mir geplante OP zum Kniegelenkersatz?
  • Was kann ich tun, wenn ich Angst vor meiner OP habe?
  • Habe ich Anspruch auf Kostenübernahme für Krankenfahrten?
  • Wie beantrage ich eine Krankenfahrt?
  • Wie funktioniert die Wiedereingliederung in den Beruf?
  • Wie funktioniert die ambulante Reha?

Diese Auswahl zeigt, dass im Pfadmodell unterschiedlichste medizinische, rechtliche und auch organisatorische Fragen enthalten sind. Zudem verdeutlicht die Liste, dass nicht alle Themen zu jedem Zeitpunkt im Krankheitsverlauf gleich bedeutsam sind.

Themen und Themengebiete

Zur Strukturierung der Themen und zur Verbesserung der Übersichtlichkeit des Pfadmodells können einzelne Themen größeren Themengebieten zugeordnet werden. Zum Beispiel lassen sich die Themen „Welche Nebenwirkungen hat Ibuprofen?“ und „Wie ist Ibuprofen einzunehmen?“ dem Themengebiet „Schmerzmittel“ zuordnen. Themengebiete werden nicht als Fragen formuliert. Sie können Themen, aber auch zusammenhängende Themengebiete bündeln, um die Modellierung zu vereinfachen. So könnten beispielsweise die Themengebiete „Schmerzmittel“ und „Schlaf- und Beruhigungsmittel“ dem Themengebiet „Arzneimitteltherapie“ zugeordnet werden.

Phasen

Phasen sind Modellelemente auf der höchsten Hierarchieebene eines Pfadmodells. Sie geben einen groben zeitlichen Krankheitsverlauf vor und haben eine eindeutige Reihenfolge. Zum Start der Plattform wurden zunächst vier Phasen ausgewählt, die zu einer Vielzahl von Indikationen passen:

  • Diagnosephase
  • Therapiefindungsphase
  • Therapiedurchführungsphase
  • Nachsorgephase

Diese Phasen sind zum Start der Plattform für jedes Pfadmodell gleich. Beim weiteren Ausbau der Plattform wird es Indikationen geben, die sich nicht optimal mit diesen vier Phasen in Pfadmodellen darstellen lassen. Dies kann flexibel gelöst werden, indem auch andere Phasen sowie eine andere Zahl an Phasen integriert werden können. 

Expertinnen und Experten ordnen alle Themengebiete und Themen, die für die zu modellierende Indikation relevant sind, mindestens einer Phase zu. Somit sind auch alle zu einem Themengebiet oder einem Thema zugehörigen Informations- und Serviceangebote mindestens einer Phase zugeordnet. Die Vielzahl an Angeboten ist sehr unterschiedlich. So kann es beispielsweise Angebote zum „Behandlungsbedarf“ oder zur „Krankheitsbewältigung“ geben wie auch Angebote zu „Administratives“. Bei Bedarf lassen sich die Angebote in beliebig vielen zusammengehörigen Bereichen gruppieren.

Zusätzlich zu den Phasen gibt es in jedem Pfadmodell einen phasenunabhängigen Bereich, dem sämtliche Themengebiete und Themen zugeordnet werden, die in allen Phasen relevant sein könnten, etwa das Thema „Wann und wie erhalte ich Krankengeld?“

Informations- und Serviceangebote

Sobald alle inhaltlich relevanten Themen für eine Indikation ausgewählt, in Themengebieten strukturiert und in Phasen platziert sind, beginnt der wichtigste Teil der Pfadmodellgestaltung: Die Angebote werden ausgewählt und Themen zugeordnet. Ein Angebot ist ein qualitätsgeprüftes Informations- oder Serviceangebot (vgl. InfoCure: Qualität sichtbar machen) zu genau einem Thema, das Patientinnen und Patienten im Krankheitsverlauf unterstützt. Angebote beantworten somit die als Fragen formulierten Themen.

Beispiele:

  • „Wann und wie erhalte ich Krankengeld?“ ➔ Informationsangebot Krankengeld: Ab wann Sie es bekommen und wie Sie es beantragen | Verbraucherzentrale.de
  • „Wie finde ich ein passendes Krankenhaus?“ ➔ Serviceangebote www.bundes-klinik-atlas.de, AOK-Krankenhaussuche

Es ist davon auszugehen, dass die Anzahl der zuzuordnenden Informations- und Serviceangebote sehr groß sein wird, obwohl bei der Modellierung nur Angebote von qualitätsgesicherten Anbietern berücksichtigt werden. Zudem wird es ähnliche Angebote verschiedener Anbieter geben. In einer späteren Ausbaustufe sollten Informationsangebote darüber hinaus unterschiedlich aufbereitet vorliegen (z. B. in diversen Sprachen, für verschiedene Sprachniveaus, kulturelle Unterschiede), sodass Patientinnen und Patienten mit verschiedenen Voraussetzungen immer bestmöglich unterstützt werden können.

Ein Angebot kann ggf. für mehrere Themen relevant sein. Das Informationsangebot „Der Einsatz von Schmerzmitteln in der Arzneimitteltherapie“ lässt sich sowohl dem Thema „Wie wirkt mein Schmerzmittel?“ zuordnen als auch dem Thema „Was muss ich bei der Einnahme meines Schmerzmittels beachten?“. Bei manchen Themen kann es sinnvoll sein, auch Angebote zuzuordnen, die nicht perfekt passen, aber dennoch einen Vorteil bieten. Gibt es beispielsweise zum Thema „Was muss ich bei der Einnahme von Ibuprofen beachten?“ kein passgenaues Angebot, könnten allgemeinere „Einnahmehinweise für Schmerzmittel“ durchaus hilfreich sein.

Für jedes Angebot kann ein Ausspielungsintervall angegeben werden, zum Beispiel: „Bei jeder Nutzung“, „Jeden Tag“ oder „Jede Woche“. Ohne Angabe eines expliziten Intervalls wird ein Angebot nur einmal ausgespielt und somit auch nur einmal in die Patienteninformationspfad-Feed geschrieben.

Um alle passenden Informations- und Serviceangebote für ein Pfadmodell auszuwählen und den Themen sinnvoll zuzuordnen, braucht es Expertise sowohl hinsichtlich der jeweiligen Indikation als auch aller zugehörigen Themengebiete und Angebotskategorien (z. B. medizinisch, organisatorisch, rechtlich). Dies kann eine Person allein nicht leisten. Die Erstellung eines Pfadmodells ist somit eine Aufgabe, bei der viele Menschen ihre jeweilige Expertise einbringen (vgl. Pfadmodellierung: Aufgaben, Rollen und Zusammenarbeit).

Die Modellierung der situativen Relevanz von Angeboten

Um die Informations- und Serviceangebote so passgenau wie möglich für die aktuelle gesundheitliche Situation einer Patientin oder eines Patienten bereitzustellen, kommen drei weitere Elemente des Modells ins Spiel: Bedingungsfaktoren, Bedingungen und Kontextfaktoren.

Bedingungsfaktoren & Kontextfaktoren

Ein Bedingungsfaktor kann sich direkt auf einen sogenannten Kontextfaktor beziehen (z. B. „BMI-Wert >= 25“ oder „Körpergröße > 180 cm“) oder aus einem komplexeren Kontextfaktor abgeleitet werden (z. B. können „Medikament wurde verschrieben“ oder „Ibuprofen 400 wurde verschrieben“ aus dem Kontextfaktor Medikationsplan abgeleitet werden). Bedingungsfaktoren sollen leicht verständlich formuliert sein. Alle diese Faktoren werden in einer Bedingungsfaktorsammlung zusammengefasst.

Was sind Kontextinformationen?

Bei Kontextinformationen handelt es sich um Angaben zum jeweiligen Kontext einer bestimmten Person. Dazu zählen grundlegende personenbezogene Merkmale (z. B. Alter, Geschlecht, Gewicht), Informationen zum Gesundheitsstatus (z. B. Einnahme von Medikamenten, Nutzung von Gesundheitsdienstleistungen), aktuelle Ereignisse (z. B. Verordnung eines neuen Medikaments, Einweisung in ein Krankenhaus oder das aktuelle Befinden) sowie individuelle Präferenzen in Bezug auf Informationsangebote (z. B. bevorzugte Sprache, Textniveau) (vgl. Ohne Kontext ist alles nichts). Die Kontextinformationen stehen in externen IT-Systemen bereits digital zur Verfügung und müssen für die nationale Gesundheitsplattform zur Personalisierung des Informations- und Serviceangebots zugreifbar sein. Dies erfordert Abstimmungen mit Anbietern bereits existierender Software-Lösungen (z. B. Praxisverwaltungssysteme (PVS), Krankenhausinformationssysteme (KIS), elektronische Patientenakte (ePA), IT-Systeme der  Krankenkassen, Gesundheits-Apps, Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) u. v. m.).

Bedingungen

Das Modellelement Bedingung wird in Pfadmodellen genutzt, um so genau wie möglich anzugeben, unter welchen Umständen ein Angebot situativ relevant ist. Eine Bedingung referenziert mindestens einen Bedingungsfaktor. Werden mehrere Bedingungsfaktoren referenziert, sind diese boolesch (UND | ODER | NICHT) miteinander verknüpft. Somit beschreibt eine Bedingung indirekt den Kontext, in dem eine Patientin oder ein Patient sich befinden muss, um ein bestimmtes Angebot zu erhalten. Bei der Modellierung von Bedingungen können alle Faktoren aus der Bedingungsfaktorsammlung verwendet werden.

Für jedes Element eines Pfadmodells gibt es eine Bedingung, die festlegt, wann es aktiviert wird und somit situativ relevant ist:

  • Angebotsaktivierungsbedingung: Ein Angebot wird aktiviert, wenn seine
    Aktivierungsbedingung eintritt und das übergeordnete Thema aktiviert ist.
  • Themenaktivierungsbedingung: Ein Thema wird aktiviert, wenn seine Aktivierungsbedingung eintritt und das übergeordnete Themengebiet aktiviert ist (soweit vorhanden).
  • Themengebietsaktivierungsbedingung: Ein Themengebiet wird aktiviert, wenn seine Aktivierungsbedingung eintritt und das übergeordnete Themengebiet aktiviert ist (soweit vorhanden). Zudem muss die Phase aktiviert sein, dem das Themengebiet zugeordnet ist.
  • Phasen-Aus- / Eintrittsbedingung: Eine Phase wird aktiviert, wenn ihre Eintrittsbedingung erfüllt ist. Durch das Eintreten einer späteren Phase wird die vorherige Phase deaktiviert, auch wenn deren Phaseneintrittsbedingung noch zutrifft. Nicht jedoch der phasenunabhängige Bereich.

Wird einem Modellelement keine Bedingung zugewiesen, ist dieses Element automatisch aktiviert. Für jedes Angebot kann somit jederzeit entschieden werden, ob es aktiviert – und damit situativ relevant – ist und an Patientinnen und Patienten ausgespielt werden soll. Hierzu müssen die jeweilige Angebotsaktivierungsbedingung sowie alle Bedingungen der Modellelemente geprüft werden, denen das Angebot direkt oder indirekt zugeordnet ist.

Vereinfachte Modellierung durch Pfadmodell-Hierarchie

Die Attraktivität der nationalen Gesundheitsplattform steigt mit jeder neuen Indikation, für die ein Pfadmodell vorliegt. Doch ein Pfadmodell muss nicht von Anfang an alle Aspekte einer Erkrankung abdecken – schon ab dem ersten Informations- oder Serviceangebot stiftet es einen Mehrwert für Patientinnen und Patienten.

Um die Modellierung von Pfadmodellen weiter zu vereinfachen, werden alle Pfadmodelle hierarchisch organisiert. Auch hierfür kann die „Internationale Klassifikation der Krankheiten“ (ICD-11) als Grundlage dienen.

Den Ausgangspunkt der Hierarchie bildet ein Indikationsunabhängiges Basis- Pfadmodell, das alle Informations- und Serviceangebote sammelt, die ohne einen konkreten Krankheitsbezug relevant für Patientinnen und Patienten sein können (z. B. „Woran erkenne ich eine gute Arztpraxis?“ oder „Krankengeld – ab wann habe ich Anspruch und wie kann ich es beantragen?“). Dieses Pfadmodell ist wie alle anderen durch Themen, Themengebiete und Phasen sowie den phasenunabhängigen Bereich strukturiert.

Der Vorteil dieser vereinfachten Modellierung liegt darin, dass alle Pfadmodelle die Modellierung des übergeordneten Pfadmodells im Hierarchiebaum direkt übernehmen. Soll zum Beispiel unter das Pfadmodell Arthrose ein spezifischeres Pfadmodell Kniearthrose eingefügt werden, startet die Modellierung nicht mit einem leeren Pfadmodell, sondern mit dem Inhalt aus dem direkt übergeordneten Pfadmodell Arthrose – das wiederum alle Elemente aus dem Indikationsunabhängigen Basis-Pfadmodell enthält. Zunächst wird nun geprüft, ob das allgemeine Pfadmodell Arthrose auf „Kniearthrose“ genauso zutrifft; anschließend wird es ggf. angepasst. Danach kann das Modell um Themen, Themengebiete und Angebote für Kniearthrose erweitert werden.

Auf diese Weise können sehr schnell Pfadmodelle für neue Indikationen hinzugefügt werden. Ein weiterer Vorteil der Pfadmodell-Hierarchie ist, dass alle Änderungen an Pfadmodellen auf höheren Ebenen sich direkt auswirken auf die Pfadmodelle tieferer Ebenen, wenn sie miteinander verbunden sind. Änderungen am Indikationsunabhängigen Basis-Pfadmodell wirken sich somit auf alle Pfadmodelle im Hierarchiebaum aus. Wird beispielsweise im Indikationsunabhängigen Basis-Pfadmodell das Thema „Wann und wie erhalte ich Krankengeld?“ eingefügt, ist dieses Thema mit allen zugehörigen Angeboten dann auch in allen indikationsspezifischen Pfadmodellen verfügbar. Das Thema und die Angebote werden aber nicht autodie Pfadmodelle zunächst geprüft und freigegeben werden (vgl. Pfadmodellierung: Aufgaben, Rollen und Zusammenarbeit). Bei jedem Element eines Pfadmodells ist für die Modellierenden erkennbar, aus welcher Ebene im Hierarchiebaum es stammt.

Schnellstmöglicher Nutzen für Patientinnen und Patienten

Pfadmodelle bilden die Grundlage aller spezifischen Patienteninformationspfade. Der jeweils konkrete Kontext einer Patientin oder eines Patienten bestimmt, welche situativ relevanten Informations- und Serviceangebote aus einem indikationsspezifischen Pfadmodell in den individuellen Patienteninformationspfad übernommen werden.

Der Kernnutzen der nationalen Gesundheitsplattform ist, geprüfte Informations- und Serviceangebote kontextsensitiv bereitzustellen. Die Angebote zur Verfügung zu stellen, muss möglich sein, auch wenn noch nicht alle Kontextfaktoren vollautomatisch genutzt werden können. Wie dies funktionieren könnte, wird hier beschrieben: Pfadmodellierung: Kontextinformationen stiften schnellen Nutzen.

Für die Modellierung indikationsspezifischer Pfadmodelle wird eine breite Expertise in unterschiedlichsten Bereichen benötigt. Welche Rollen daran beteiligt sind und wie sie technisch unterstützt werden können, lässt sich hier nachlesen: Pfadmodellierung: Aufgaben, Rollen und Zusammenarbeit. Um Patientinnen und Patienten schnellstmöglich einen Vorteil zu bieten, muss die Modellierung auch ohne einen langwierigen und aufwändigen Standardisierungsprozess auskommen.

Autoren

Dr. Matthias Naab und Dr. Marcus Trapp sind Co-Founder von Full Flamingo. Sie helfen Unternehmen, pragmatisch die wichtigen Entscheidungen in der digitalen Transformation abzusichern. Bis 2022 waren sie am Fraunhofer IESE als Führungskräfte tätig und haben das Thema „Digitale Ökosysteme und Plattformökonomie“ mit aufgebaut und verantwortet.

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Nur wenn auf der nationalen Gesundheitsplattform der aktuelle Kontext von Patientinnen und Patienten genau bekannt ist, können diese auf der Plattform in ihrem Krankheitsverlauf optimal unterstützt werden. Dieser Beitrag zeigt, wie es gelingen kann, auch schon ohne vollautomatische Erkennung von Kontextinformationen bereits einen spürbaren Nutzen zu stiften. Dies eröffnet die Möglichkeit, die Gesundheitsplattform zeitnah in einer ersten Ausbaustufe zu verwirklichen und schnell einen echten Mehrwert zu stiften. Die nationale Gesundheitsplattform bietet bereits ab dem Start einen erheblichen Nutzen für Patientinnen und Patienten.

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    Pfadmodellierung: Kontextinformationen stiften schnellen Nutzen

    Dr. Matthias Naab
    Dr. Marcus Trapp

    Nur wenn auf der nationalen Gesundheitsplattform der aktuelle Kontext von Patientinnen und Patienten genau bekannt ist, können diese auf der Plattform in ihrem Krankheitsverlauf optimal unterstützt werden. Dieser Beitrag zeigt, wie es gelingen kann, auch schon ohne vollautomatische Erkennung von Kontextinformationen bereits einen spürbaren Nutzen zu stiften. Dies eröffnet die Möglichkeit, die Gesundheitsplattform zeitnah in einer ersten Ausbaustufe zu verwirklichen und schnell einen echten Mehrwert zu stiften.

    Die nationale Gesundheitsplattform bietet bereits ab dem Start einen erheblichen Nutzen für Patientinnen und Patienten. Erkrankungen sind in der  Bevölkerung nicht gleichmäßig verteilt – vielmehr konzentrieren sich die meisten Krankheitsfälle auf eine relativ kleine Zahl von Indikationsbereichen.  Dazu zählen insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes mellitus, psychische Erkrankungen sowie muskuloskelettale Leiden. Hinter diesen Bereichen stehen rund 150 Diagnosen, die zusammen über 90 Prozent des gesamten Krankheitsgeschehens in Deutschland ausmachen. Damit lassen sich frühzeitig große Bevölkerungsgruppen erreichen.

    Ein Beispiel: Im Jahr 2024 berichteten in Deutschland 10,3 Prozent der Erwachsenen einen ärztlich diagnostizierten Diabetes mellitus (RKI 2024). Ein einziges Pfadmodell für diese Indikation hätte somit das Potenzial, Millionen von Menschen direkt anzusprechen und zu unterstützen.

    Der größtmögliche Nutzen einer nationalen Gesundheitsplattform entsteht für Patientinnen und Patienten durch die Bereitstellung genau der  Gesundheitsinformations- und Serviceangebote, die perfekt zu dem jeweiligen individuellen Kontext passen, also inhaltlich und situativ relevant sind: Je besser das Angebot auf den Kontext zugeschnitten ist, desto größer die Unterstützung im Krankheitsverlauf. Die Plattform kann jedoch nur in dem Umfang personalisiert werden, in dem auch individuelle Kontextinformationen verfügbar sind (vgl. Pfadmodellierung: Grundlagen).

    Was sind Kontextinformationen?

    Bei Kontextinformationen handelt es sich um Angaben zum jeweiligen Kontext einer bestimmten Person. Dazu zählen grundlegende personenbezogene Merkmale (z. B. Alter, Geschlecht, Gewicht), Informationen zum Gesundheitsstatus (z. B. Einnahme von Medikamenten, Nutzung von  Gesundheitsdienstleistungen), aktuelle Ereignisse (z. B. Verordnung eines neuen Medikaments, Einweisung in ein Krankenhaus, das momentane Befinden) sowie individuelle Präferenzen in Bezug auf Informationsangebote (z. B. bevorzugte Sprache, Textniveau) (vgl. Ohne Kontext ist alles nichts).

    Die Kontextinformationen stehen in externen IT-Systemen bereits digital zur Verfügung – die nationale Gesundheitsplattform muss zur Personalisierung des Informations- und Serviceangebots allerdings auch darauf zugreifen können. Dies erfordert Abstimmungen mit Anbietern bereits existierender Software-Lösungen, etwa Praxisverwaltungssysteme (PVS), Krankenhausinformationssysteme (KIS), elektronische Patientenakte (ePA), IT-Systeme der Krankenkassen, Gesundheits-Apps, Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) u. v. m. Erwartungsgemäß wird es lange dauern, bis solche Abstimmungen und Integrationen erfolgreich abgeschlossen sind.

    Die nationale Gesundheitsplattform ist daher so zu gestalten, dass sie bereits Nutzen für Patientinnen und Patienten stiftet, wenn noch gar kein oder nur sehr wenig Kontext vollautomatisch erkannt werden kann. Im Folgenden geht es zunächst um allgemeine Entwurfsprinzipien der Gesundheitsplattform, die zur Erkennung möglichst vieler Kontextfaktoren führen, auch wenn diese nicht digital vorliegen – immer mit dem Ziel, einen möglichst großen Nutzen mit der jeweils aktuell vorliegenden Ausbaustufe der Plattform und der IT-Infrastruktur zu erzeugen.

    Anschließend wird exemplarisch der Umgang mit  Kontextinformationen in drei Ausbaustufen der Gesundheitsplattform beschrieben:

    • Ausbaustufe 1: Ohne automatische Kontexterkennung
    • Ausbaustufe 2: Nutzung bereits existierender Gesundheits-IT-Infrastruktur ohne THE-Standard
    • Ausbaustufe 3: Der THE-Standard zur automatischen Kontexterkennung

    Allgemeine Entwurfsprinzipien zum Umgang mit nicht automatisch erkennbarem Kontext

    Solange der individuelle Kontext einer Patientin oder eines Patienten noch nicht vollautomatisch erkannt werden kann, muss die nationale  Gesundheitsplattform dies berücksichtigen und anders funktionieren als in der ursprünglich beschriebenen Vision, die als Vollausbaustufe zu betrachten ist (vgl. Unser Konzept in der Gesamtschau).

    Ohne automatische Erkennung stehen der Plattform weniger Kontextinformationen über die jeweilige Person zur Auswertung zur Verfügung. Die Plattform kann die aktuelle Situation der Person dann noch nicht genau genug erfassen, um perfekt zugeschnittene Informations- und Serviceangebote auszuspielen. Jeder neu bekannte Kontextfaktor erhöht die Nützlichkeit der Plattform. Wenn bestimmte Faktoren noch nicht automatisch erkannt werden, müssen sie von den Nutzenden selbst eingegeben oder bestätigt werden. Daher ist das manuelle Erfassen von Kontextinformationen so einfach wie möglich zu gestalten. Zudem können Gestaltungshinweise für die zugrunde liegenden Pfadmodelle die Nützlichkeit der Plattform – bei fehlender automatischer Kontexterkennung – signifikant verbessern.

    Manuelles Erfassen von Kontext

    Wenn Patientinnen und Patienten bei jeder Nutzung der nationalen Gesundheitsplattform ihren Kontext manuell eingeben müssen, ist das mühsam und stellt keine valide Umsetzungsoption dar. Ebenso wenig ist es eine Lösung, ungeachtet des Kontexts sämtliche verfügbaren Angebote anzuzeigen und die sinnvolle Auswahl den Nutzenden zu überlassen.

    Somit müssen in den frühen Ausbaustufen der nationalen Gesundheitsplattform Möglichkeiten gefunden werden, notwendige Kontextinformationen manuell zu erfassen, ohne dabei die Nutzenden zu überfordern. Ein vielversprechender Ansatz ist, die Erfassung der Informationen (möglichst) immer mit einem direkt wahrnehmbaren Nutzen zu verbinden.

    Ein Beispiel: Eine Patientin nutzt ein Informationsangebot zu einem bestimmten Medikament. Der Plattform liegen wichtige Informationen zu Wechselwirkungen dieses Medikaments mit einem bestimmten Schmerzmittel vor. Nun könnte die Plattform aktiv nachfragen, ob die Patientin gerade Schmerzmittel einnimmt – und wenn ja, welche. Diese  Kontextinformation kann die Plattform dann direkt nutzen, um Informationen zu Wechselwirkungen auszuspielen, und Services zum  Wechselwirkungscheck anbieten.

    Somit entsteht direkt ein unmittelbar nachvollziehbarer Nutzen durch die manuelle Eingabe der Kontextinformation, die ab diesem Zeitpunkt, auch beim Ausspielen aller weiteren Angebote berücksichtigt werden kann.

    Eine weitere vielversprechende Strategie besteht darin, Kontextinformationen über die Setzung von Filtern zu erheben. So können Nutzende beispielsweise manuell den Filter einstellen, in welchem Bereich sich ihr Körpergewicht befindet (z. B. > 85 kg). Die Plattform speichert dann diese Information ab und spielt künftig nur noch Angebote aus, die zur ausgewählten Gewichtsklasse passen. Im gerade beschriebenen Fall könnte die Plattform auch direkt nach dem Körpergewicht fragen, ohne dass die Nutzenden sich über eine solche Abfrage wundern – ihnen ist schließlich klar, dass sie eine Gesundheitsplattform nutzen und dass solche Kontextinformationen hierfür hilfreich sind.

    Ausspielen von Angeboten bei wenig Kontextwissen

    In der Anfangsphase der nationalen Gesundheitsplattform wird es zunächst keine vollautomatische Kontexterkennung geben. Zudem ist es wahrscheinlich, dass die Zahl der unterstützten Indikationen begrenzt sein wird und auch das Angebot an verfügbaren Informationen und Services zunächst überschaubar bleibt. Diese Einschränkungen werden sich zwar kontinuierlich verringern, können jedoch gerade zu Beginn auch gezielt als Vorteil genutzt werden.

    Lässt sich aufgrund fehlender Kontextfaktoren nicht entscheiden, ob ein Angebot ausgespielt werden soll oder nicht, kann es optional immer ausgespielt werden, um den Patientinnen und Patienten potenziell wichtige Angebote nicht vorzuenthalten.

    Auch wenn über die Plattform nur qualitätsgesicherte und  indikationsspezifische Angebote ausgespielt werden, wird anfangs dennoch eine größere Auswahl angezeigt werden, die nicht alle für die Nutzenden situativ relevant sind. Diese müssen daher die für sie aktuell wichtigen Angebote dann selbst auswählen. Dies ließe sich in der Anfangszeit durch Filter erleichtern, die von der Plattform angeboten werden. Die Plattform spielt somit nicht nur alle Angebote aus, sondern gibt alle Kontextfaktoren (bzw. Bedingungen) als Filteroptionen an, die für die Angebote gelten. Durch das manuelle Bestätigen oder Ablehnen bestimmter Kontextfaktoren verändert sich nicht nur die Zahl der ausgespielten Angebote – zusätzlich werden dadurch automatisch Kontextfaktoren erfasst.

    Wird beispielsweise für Nutzende mit Diabetes mellitus Typ 2 angezeigt, dass Angebote ausgespielt werden, die nur für Insulinpflichtige relevant sind, eine Nutzerin durch das Ablehnen des Filters aber angibt, dass sie „nicht insulinpflichtig“ ist, wer den alle Angebote ausgeblendet, die nur für Insulinpflichtige relevant sind, und auch der Kontextfaktor „nicht insulinpflichtig“ wird gespeichert. Dieser kann ab sofort bei der weiteren Nutzung berücksichtigt werden. Beim Bestätigen und Ablehnen von Filtern müssen vereinzelt auch wieder aktiv Nachfragen bzgl. der Kontextfaktoren gestellt werden, da sich der Status im Krankheitsverlauf ändern kann.

    Gestaltung von Pfadmodellen

    Neben Anpassungen bei der Ausspielung von Informations- und Serviceangeboten im Patienteninformationspfad können auch Anpassungen bei der Gestaltung der zugrunde liegenden Pfadmodelle helfen, mit fehlenden Kontextinformationen umzugehen (vgl. Pfadmodellierung: Grundlagen). Pfadmodellentwicklerinnen und -entwickler (vgl. Pfadmodellierung: Aufgaben, Rollen und Zusammenarbeit) gestalten indikationsspezifische Pfadmodelle in Iterationen. Die Pfadmodelle werden somit über die Zeit immer nützlicher für Patientinnen und Patienten, weil immer mehr Themengebiete, Themen und zugehörige Angebote aufgenommen werden.

    Pfadmodellentwicklerinnen und -entwickler verantworten die Gestaltung ihrer Pfadmodelle. Sie können jedoch durch Standards, Anleitungen und Hilfestellungen unterstützt werden, um zu sehen, welche Angebote für die jeweiligen Ausbaustufen der Plattform besonders hilfreich sind, um bestmöglich mit fehlenden Kontextinformationen umzugehen. Es ist wichtig, dass von Anfang an für möglichst viele Patientinnen und Patienten ein hoher Nutzen entsteht, indem ihnen viele Angebote ausgespielt werden, die für sie relevant sind, ohne dass die Plattform ihren Kontext kennen muss.

    Ausbaustufe 1: Ohne automatische Kontexterkennung

    In dieser Ausbaustufe gibt es keine automatische digitale Kontexterkennung. Alle Kontextinformationen müssen somit manuell von den Nutzenden erfasst werden. Die folgenden Abschnitte beschreiben, wie drei wichtige Bereiche so gestaltet werden können, dass die nationale Gesundheitsplattform auch unter diesen Umständen einfach zu nutzen ist und bereits einen erheblichen Mehrwert stiftet.

    Einstieg in den Patienteninformationspfad

    Die Nutzung der nationalen Gesundheitsplattform beginnt für Patientinnen und Patienten meist mit dem Login auf der Plattform-Webseite bzw. mit der Installation einer App (vgl. Entdecken statt suchen: Prototyp für eine nationale Gesundheitsplattform). Während der Installation können direkt einige Basisdaten der Patientin oder des Patienten abgefragt werden. Hier sollten unter keinen Umständen zu viele (Kontext-)Informationen erhoben werden, um die Nutzenden nicht abzuschrecken. Bisher haben sie noch keinen Vorteil durch die Plattform erleben können – daher könnte die Eingabe einer zu großen Menge an persönlichen Daten sie verunsichern. Da für die Nutzung eines digitalen und personalisierten Gesundheitsangebots durchaus einige persönliche Angaben benötigt werden, können hier Daten wie Name, (biologisches und identifiziertes) Geschlecht, Größe, Gewicht, Alter erhoben werden. Zudem sollte das eigene medizinische Expertise-Niveau erfasst werden, um Angebote in einer gut verständlichen (Fach-)Sprache auszuspielen.

    Nach Abschluss der Installation müssen die Nutzenden ihre aktuelle Indikation und ihre aktuelle Phase im Krankheitsverlauf erfassen. Da die Gesundheitsplattform zum Start zunächst nur wenige Indikationen unterstützen wird, ist dies sehr einfach und schnell durchzuführen. Jetzt sollten wichtige Kontextfaktoren erfasst werden, wenn sie für die gewählte Indikation sehr relevant und noch nicht erfasst sind (z. B. Schwangerschaftsstatus).

    Digitale Abkürzung

    Für die hier beschriebenen Schritte sind digitale Abkürzungen möglich, die auch ohne IT-Integration in andere Apps bzw. Systeme oder gar deutschlandweit abgestimmte Standards auskommen, aber trotzdem die Benutzbarkeit erhöhen  und das Nutzungserlebnis verbessern. Durch Nutzung der bereits vorhandenen Funktionen des Interaktionsgeräts (i. d. R. Mobiltelefon oder Tablet) können beispielsweise QR-Codes gescannt sowie Medikamentenpackungen oder Rezepte abfotografiert und analysiert werden. So könnten zum Beispiel behandelnde Ärztinnen oder Ärzte ihren Patientinnen oder Patienten einen Informationszettel aushändigen, der einen QR-Code enthält, in dem sowohl die aktuelle  Indikation als auch die aktuelle Phase (z. B. Diagnosephase) einkodiert sind. Durch Abscannen des QR-Codes ersparen die Nutzenden sich die Eingabe dieser Informationen. Ähnlich verhält es sich mit dem Abfotografieren von Medikamentenpackungen, Rezepten o. Ä. Die Gesundheitsplattform kann aus diesen Bildern wichtige Kontextfaktoren ableiten und entsprechend relevante Informations- und Serviceangebote ausspielen.

    Bestimmung der aktuellen Phase im Krankheitsverlauf

    Allein durch das Wissen über die aktuelle Phase im Krankheitsverlauf kann die nationale Gesundheitsplattform schon relevante Informations- und Serviceangebote ausspielen. Ohne automatische Kontexterkennung lässt sich ein Phasenwechsel jedoch im Allgemeinen nur durch die aktive Eingabe der Patientinnen oder Patienten erfassen. Wird die aktuelle Phase bei jeder Nutzung prominent angezeigt, kann das jeweils dazu animieren, sie ggf. – also bei Bedarf – anzupassen. Da es nur wenige Phasen gibt, ist ein Wechsel sehr einfach und schnell gemacht: indem die neue Phase aus einem Menü ausgewählt oder ein Schieberegler bewegt wird. Um sicherzugehen, kann auch in regelmäßigen Abständen nach einem Phasenwechsel gefragt werden (z. B. bei jeder Nutzung, einmal am Tag, einmal pro Woche). Allerdings sollte dies nicht zu oft erfolgen, da die Nutzenden das schnell als störend empfinden werden. Die Kontextinformation zur aktuellen Phase im Krankheitsverlauf ist jedoch so wichtig, dass sie unbedingt erfasst werden muss.

    In Ausnahmefällen kann eine Phase auch erkannt werden, indem die Nutzung analysiert wird: Beschäftigt sich eine Patientin oder ein Patient (verstärkt) mit Themen auf der Plattform, die eindeutig einer bestimmten Phase zuzuweisen sind, lässt sich dadurch ggf. eine neue Phase identifizieren. Aber auch hier sollten die Nutzenden den erkannten Phasenwechsel zumindest kurz manuell bestätigen. Das Gleiche gilt für Informationen, die durch das Abfotografieren und Analysieren von Medikamentenpackungen, Rezepten, Überweisungen o. Ä. erkannt werden.

    Auswahl der relevantesten Themen

    Wie bereits beschrieben, werden auch all jene Angebote ausgespielt, für die aufgrund fehlender Kontextfaktoren nicht entschieden werden kann, ob sie inhaltlich und situativ relevant sind. So wird vermieden, dass den Patientinnen und Patienten potenziell wichtige Angebote vorenthalten werden. Dies führt jedoch dazu, dass bei wenigen erfassten Kontextinformationen eine Vielzahl an Angeboten ausgespielt wird, die nur bedingt wichtig sind. Die Nutzenden müssen sich dann aus der Summe aller Angebote die für sie entscheidenden manuell heraussuchen. Vorteilhaft ist auch hier wieder, dass nur bereits qualitätsgesicherte Angebote ausgespielt werden und somit die Zahl deutlich geringer ist als bei der Informationssuche in einschlägigen Suchmaschinen außerhalb der Plattform.

    Um den Patientinnen und Patienten die Auswahl so einfach wie möglich zu machen, gibt es mehrere Optionen:

    • Jedem Patienteninformationspfad liegt ein Pfadmodell zugrunde, das in einer hierarchischen Baumstruktur organisiert ist (Angebote gehören zu Themen, Themen gehören zu Themengebieten und Themengebiete zu Phasen) (vgl. Pfadmodellierung: Grundlagen). Lässt sich der Kontext nicht ausreichend gut erkennen, könnte diese Struktur den Nutzenden explizit angezeigt werden, damit sie die Themengebiete und Themen auswählen können. Je nach manueller Auswahl der Patientinnen und Patienten werden dann entsprechende Angebote gezeigt. Umgekehrt wäre es genauso möglich: Es werden direkt alle Angebote angezeigt und durch Abwählen von Phasen, Themengebieten oder Themen werden dann Angebote ausgeblendet. Die manuelle Auswahl trägt im Hintergrund auch zur Bestimmung des aktuellen Kontexts bei.
    • Weitere Möglichkeiten, um Patientinnen und Patienten nicht direkt mit zu vielen (nicht relevanten) Angeboten zu überfordern, bietet die Gestaltung der Pfadmodelle. Die Pfadmodellentwicklerinnen und -entwickler (vgl. Pfadmodellierung: Aufgaben, Rollen und Zusammenarbeit) könnten für jede Phase ein „Haupt-Themengebiet“, für jedes Themengebiet ein „Haupt-Thema“ und für jedes Thema ein „Haupt-Informationsangebot“ sowie ein „Haupt-Serviceangebot“ spezifizieren. Diese Angebote sollten für die meisten Nutzenden den größten Nutzen stiften, unabhängig von ihrem aktuellen Kontext. Den Nutzenden werden zunächst nur die Haupt-Elemente angezeigt. Weitere Elemente können dann manuell eingeblendet werden. Darüber hinausgehende Angebote lassen sich danach manuell einblenden – oder werden automatisch eingeblendet, sobald weitere Kontextinformationen vorliegen.

    Ausbaustufe 2: Nutzung bereits existierender Gesundheits-Apps ohne Plattform-Standard

     

    In dieser Entwicklungsstufe greift die nationale Gesundheitsplattform auf bestehende IT-Infrastrukturen zurück, um wichtige Kontextfaktoren digital zu erfassen. Dadurch entfällt die Notwendigkeit der manuellen Eingabe. Dabei werden bereits existierende Schnittstellen zu (Gesundheits-)Apps, DiGAs und (Gesundheits-) IT-Systemen genutzt. Anpassungen dieser Schnittstellen, um sie besser für die Gesundheitsplattform nutzbar zu machen, werden nicht ausgehandelt, sondern die Schnittstellen werden so genutzt, wie der Hersteller sie definiert hat. Somit muss auch nur die nationale Plattform angepasst bzw. erweitert werden. Diese Erweiterungen hat der Betreiber der Plattform aber vollständig unter eigener Kontrolle und er ist somit nicht auf die Unterstützung Dritter angewiesen. Selbstverständlich werden nur Informationen verarbeitet, zu denen die Patientinnen und Patienten ihr ausdrückliches Einverständnis gegeben haben.

    Existierende Gesundheits-Apps

    Apps, DiGAs oder IT-Systeme, von denen die nationale Gesundheitsplattform zwar profitieren könnte, die aber (noch) keine Schnittstelle anbieten, werden in dieser Ausbaustufe nicht genutzt. Diese Stufe ist ein sinnvoller Zwischenschritt auf dem Weg zur finalen Vision, in der die Plattform selbst definierte Standardschnittstellen vorgibt, um die Integration mit möglichst vielen Apps, DiGAs und IT-Systemen zu vereinfachen. Dies erfordert jedoch viele Abstimmungen mit Anbietern bereits existierender Software-Lösungen, beispielsweise Praxisverwaltungssysteme (PVS), Krankenhausinformationssysteme (KIS), elektronische Patientenakte (ePA), behördliche Systeme, IT-Systeme der Krankenkassen, Gesundheits-Apps, DiGAs u. v. m.) (vgl. Ausbaustufe 3). Um Patientinnen und Patienten jedoch schnellstmöglich ein besseres Nutzungserlebnis durch semi-automatische Kontexterkennung zu ermöglichen, ist die Nutzung schon existierender Schnittstellen ein sinnvoller Schritt.

    Es gibt bereits eine große Zahl an (Gesundheits-)Apps und (Gesundheits-)ITSystemen, die zur Identifikation von Kontextfaktoren genutzt werden können. Einige Beispiele:

    • Health-Hub-Apps, die mehrere Gesundheitsdienste und -Informationen bündeln
    • Health-(Device-)Apps: Bluetooth-Waage, Medikamentenverwaltung, Buchungssysteme für Ärztinnen und Ärzte
    • Non-Health-Apps: Lauftraining, Smart Home
    • Health-Portal(-Apps): Nicht-kommerziell, Krankenkassen

    Um die Kontextinformationen der Drittanbieter zu erhalten, lassen sich zwei Wege beschreiben:

    Datenaustausch auf dem Interaktionsgerät (On-Device)

    App-Hersteller können direkt auf Interaktionsgeräten (i. d. R. Mobiltelefon oder Tablet) Schnittstellen anbieten (On-Device). Die nationale Gesundheitsplattform bezieht ihre Daten auf dem Gerät über diese Schnittstellen mit einer  eigenen App (z. B. LIV, das in unserer Vision exakt auf Patientinnen und Patienten zugeschnittene User Interface). Die Daten werden dann von dieser App ans Backend der Gesundheitsplattform weitergeleitet. Der Datenaustausch direkt auf dem Interaktionsgerät ist sehr sicher, da die Daten in der Regel hochverschlüsselt abgelegt sind. Daher ist dies die bevorzugte Austauschoption für sensitive, persönliche Daten.

    Datenaustausch über Backends

    Backend-Schnittstellen der Hersteller sind eine weitere Möglichkeit, Kontextinformationen zu sammeln. Ein Hersteller eines (Gesundheits-)IT-Systems oder einer (Gesundheits-)App bietet in diesem Fall eine in der Regel proprietäre Schnittstelle an, über die Dritte Daten mit seinem Backend austauschen können. Hersteller von (Gesundheits-)Apps können selbst entscheiden, wie sie Daten mit anderen Apps oder IT-Systemen austauschen wollen. Sie können die  Austauschoption auf dem Gerät zur Verfügung stellen, über ihr Backend oder sogar beides. Die Gesundheitsplattform nutzt in Ausbaustufe 2 die Option, die am besten für sie passt – und das kann sich von Anbindung zu Anbindung  unterscheiden.

    Ausbaustufe 3: Der Plattform-Standard zur automatischen Kontexterkennung

    In dieser Ausbaustufe soll die nationale Gesundheitsplattform möglichst alle benötigten Kontextfaktoren automatisch erkennen können. Hierzu muss eine Spezifikation der Kontextfaktoren offengelegt werden, sowie Wege angeboten
    werden, wie diese zur Plattform gelangen können. Diese Ausbaustufe ist als Ergänzung der beiden zuvor beschriebenen Ausbaustufen zu sehen und nicht als Ersatz.

    Anbindungen an bereits existierende (Gesundheits-) IT-Systeme oder (Gesundheits-)Apps, die in Ausbaustufe 2 unter Ausnutzung von proprietären Schnittstellen bereits in die Gesundheitsplattform integriert wurden, werden weiterhin genutzt. Ebenso kann es auch immer wieder Kontextfaktoren geben, die (noch) schwierig bis unmöglich automatisch zu erfassen sind. Diese Faktoren ließen sich dann – wie in Ausbaustufe 1 beschrieben – manuell abfragen. So könnten Patientinnen und Patienten beispielsweise gefragt werden: „Wie fühlst du dich heute?“

    Ziel dieser Ausbaustufe ist, das Beitragen von Kontextfaktoren zur nationalen Gesundheitsplattform so einfach wie möglich zu gestalten. So sollen möglichst viele Unternehmen und Organisationen dazu gebracht werden, Kontextfaktoren beizusteuern. Lag in Ausbaustufe 2 der Aufwand für die Integration neuer Kontextfaktoren noch vollständig in den Händen der Gesundheitsplattform, verteilt sich der Aufwand in Ausbaustufe 3 auf mehrere Instanzen. Die Aufgabe der Plattform ist, eine Spezifikation der benötigten Kontextfaktoren bereitzustellen und mindestens eine Schnittstelle anzubieten, über die die Kontextfaktoren bereitgestellt werden können. Zudem liegt die Verantwortung für die Qualitätssicherung des Datenaustauschs als auch die eindeutige Patientenidentifikation bei der Plattform.

    Definition einer öffentlichen Kontextfaktorsammlung

    Alle Kontextfaktoren, die von der nationalen Gesundheitsplattform verarbeitet werden können, sind in der Kontextfaktorsammlung zusammengefasst. Die Sammlung enthält nicht die Daten selbst, sondern nur eine inhaltliche Beschreibung der unterstützten Kontextfaktoren. Zur Nutzung durch Dritte (Kontextfaktorlieferanten) muss die Kontextfaktorsammlung öffentlich zugänglich sein. In der Sammlung sind alle Kontextfaktoren in einer hierarchischen Baumstruktur angeordnet. Für jeden Kontextfaktor muss eine Datenmodellspezifikation bereitgestellt werden, die beschreibt, wie konkrete Kontextwerte für Kontextfaktoren über eine Schnittstelle an die Plattform zu liefern sind. Dazu gehört der benötigte Datentyp des Kontextfaktors sowie sein gültiger Wertebereich.

    Diese Struktur muss nicht von Grund auf neu entwickelt werden. Um eine Interoperabilität zu gewährleisten, integriert die Gesundheitsplattform bereits existierende und vor allem schon gut verbreitete Kontextfaktorbeschreibungen in die Kontextfaktorsammlung (z. B. aus den Fast Healthcare Interoperability Resources (FIHR).

    Gestaltung von öffentlichen Schnittstellen zur Plattform

    Neben der Spezifikation der Kontextfaktorsammlung muss die nationale Gesundheitsplattform auch Schnittstellen bereitstellen, über die Kontextfaktorlieferanten die aktuellen Werte liefern können. Für jeden Kontextfaktor muss mindestens eine Schnittstelle spezifiziert werden. Die Gesundheitsplattform setzt auch hier auf etablierte Standards und bietet beispielsweise REST-Schnittstellen (Representational State Transfer) oder FIHR an. Die Plattform stellt eine umfassende und präzise API-Dokumentation (Application Programming Interface) zur Verfügung – inklusive einer klaren Definition aller Sicherheitsmechanismen. Es soll Kontextfaktorlieferanten so einfach wie möglich gemacht werden, Kontextwerte zur Plattform beizutragen.

    Qualitätssicherung von Kontextinformationen

    Die Verantwortung für die Qualitätssicherung liegt beim Betreiber der nationalen Gesundheitsplattform. Neben den üblichen Aufgaben muss hier insbesondere ein Weg gefunden werden, wie mit unterschiedlichen oder gar widersprüchlichen Kontextwerten für ein und denselben Kontextfaktor umgegangen wird. Mit zunehmender Bekanntheit und Beliebtheit der Plattform wird es für einige Kontextfaktoren weit mehr als nur einen Lieferanten geben, der Kontextwerte für ein und denselben Kontextfaktor über die gleiche oder über parallele Schnittstellen liefert. Die Plattform muss Regeln definieren, wie sie den bestmöglichen (z. B. den genauesten) Wert verwendet, da die Werte mit hoher Wahrscheinlichkeit in unterschiedlicher Qualität angeboten werden (z. B. Gewicht in kg mit oder ohne Nachkommastellen).

    Eindeutige Identifikation von Patientinnen und Patienten

    Damit die nationale Gesundheitsplattform kontextspezifische Daten von Patientinnen und Patienten von (Gesundheits-)IT-Systemen und (Gesundheits-)Apps erfolgreich verarbeiten kann, müssen sich die Daten eindeutig Patientinnen und Patienten zuordnen lassen. Hierzu könnte eine eindeutige ID verwendet werden, die sowohl von den IT-Systemen und Apps als auch von der Plattform genutzt wird. Hier kann ggf. ebenfalls auf existierende Lösungen zurückgegriffen werden, wie etwa die GesundheitsID des Bundes, die von der elektronischen Patientenakte (ePA), dem E-Rezept und digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) zur Identifikation der Patientinnen und Patienten genutzt wird.

    Früher Nutzen ist gut, reicht aber auf Dauer nicht aus

    Die nationale Gesundheitsplattform kann bereits in einem frühen Entwicklungsstadium den Patientinnen und Patienten viel nutzen, auch wenn sich deren spezifischer Kontext noch nicht automatisch erfassen lässt. Somit wird es möglich, eine erste Ausbaustufe der Plattform bereits kurzfristig zu starten. Dieser frühe Nutzen entsteht jedoch nicht von selbst, sondern muss sowohl bei der Gestaltung der Plattform als auch bei der Modellierung der zugrunde liegenden Pfadmodelle in frühen Ausbaustufen explizit bedacht werden (vgl. Pfadmodellierung: Aufgaben, Rollen und Zusammenarbeit).

    Doch obwohl die Gesundheitsplattform schon früh etlichen Mehrwert für Patientinnen und Patienten stiften kann, darf das Zielbild eines umfassenden digitalen Ökosystems nicht aus den Augen verloren werden. Denn nur dann wird eine automatische Kontexterkennung ermöglicht, die den entscheidenden Vorteil bietet: Gesundheitsinformationsangebote und -services können genau zum richtigen Zeitpunkt bereitgestellt und gezielt an Patientinnen und Patienten vermittelt werden.

    Autoren

    Dr. Matthias Naab und Dr. Marcus Trapp sind Co-Founder von Full Flamingo. Sie helfen Unternehmen, pragmatisch die wichtigen Entscheidungen in der digitalen Transformation abzusichern. Bis 2022 waren sie am Fraunhofer IESE als Führungskräfte tätig und haben das Thema „Digitale Ökosysteme und Plattformökonomie“ mit aufgebaut und verantwortet.

     

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      Pfadmodellierung: Aufgaben, Rollen und Zusammenarbeit

      Dr. Matthias Naab
      Dr. Marcus Trapp

      Die im Projekt Trusted Health Ecoystems (THE) entwickelte Vision einer nationalen Gesundheitsplattform sieht ein besonders nutzerfreundliches Vermittlungskonzept vor: Informationen werden je nach situativer Relevanz im Zeitverlauf angeboten. Die Grundlage dieser Informationspfade bilden indikationsspezifische Pfadmodelle. Deren Modellierung beinhaltet mehrere Arbeitsschritte und erfordert das Zusammenwirken unterschiedlicher Fachdisziplinen und Expertinnen und Experten. Dieser Beitrag beschreibt die unterschiedlichen Rollen der sogenannten Pfadmodellentwickler, ihre Aufgaben, ihre Werkzeuge sowie ihr Zusammenspiel bei der Entwicklung von Pfadmodellen.

      Zur besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit dieses Beitrags haben wir der Rolle des Pfadmodellentwicklers in diesem Text ein Geschlecht zugewiesen. In der Realität kann diese Rolle von Personen jedes Geschlechts eingenommen werden.

      Pfadmodelle bilden die Grundlage individueller Patienteninformationspfade, über die für Patientinnen und Patienten qualitätsgesicherte, inhaltlich und  situativ relevante Gesundheitsinformations- und Gesundheitsservice-Angebote bereitgestellt werden. Wie Pfadmodelle erstellt werden, wird im Text Pfadmodellierung: Grundlagen beschrieben. Dort wird erläutert, dass Pfadmodelle von Expertinnen und Experten – den sogenannten  Pfadmodellentwicklern – auf Basis einer leicht erlernbaren Menge an Modellelementen aufgebaut werden. Zur Erledigung aller Aufgaben sind jedoch unterschiedliche Feldkompetenzen erforderlich, sodass sie in der Regel nicht von einer einzigen Person gelöst werden können, sondern von mehreren Expertinnen und Experten. Im Folgenden werden daher alle Rollen beschrieben, die zur Entwicklung eines Pfadmodells notwendig sind.

       

      Rollenbeschreibungen

      Jede der hier beschriebenen Rollen ist entscheidend an der Entwicklung von Pfadmodellen beteiligt. Daher kann auch jede Person als Pfadmodellentwickler bezeichnet werden, egal welche und wie viele Rollen sie tatsächlich hat. Wie bei allen Rollenmodellen üblich, kann eine Person hier mehrere Rollen übernehmen. Ebenso können mehrere Personen dieselbe Rolle innehaben – mit einigen Ausnahmen. An der Entwicklung und dem Betrieb einer nationalen Gesundheitsplattform sind über die hier beschriebenen noch viele weitere Rollen beteiligt, die der Übersichtlichkeit halber nicht aufgeführt werden.

      Pathway Model Owner

      Der Pathway Model Owner ist die zentrale Rolle für die gesamte Pfadmodellentwicklung. Er orchestriert die Menge der Pfadmodelle, die von der nationalen Gesundheitsplattform unterstützt werden. Dabei sorgt er dafür, dass immer die bestmögliche Auswahl an Pfadmodellen erstellt wird und dass über die Zeit kein Wildwuchs an unüberschaubaren, nicht klar voneinander abgrenzbaren Pfadmodellen entsteht. Er ist zudem dafür verantwortlich, dass die  Bedingungsfaktor- und Kontextfaktorsammlung stetig aktualisiert und an die Bedürfnisse aller Pfadmodellentwickler angepasst wird.

      Der Pathway Model Owner trägt dafür Sorge, dass alle Angebote, die über die nationale Gesundheitsplattform ausgespielt werden, qualitätsgeprüft sind, das heißt, dass sie einer wissenschaftsbasierten Überprüfung standhalten. In erster Instanz wird die Qualität der Angebot bereits  durch das Qualitätssicherungssystem InfoCure gewährleistet (vgl. InfoCure: Qualität sichtbar machen). Der Pathway Model Owner muss jedoch sicherstellen, dass die qualitätsgeprüften Angebote in den Pfadmodellen richtig verwendet werden. Während ein Team den Pathway Model Owner mit Vorarbeiten unterstützt, trägt er die Verantwortung dafür, dass die Angebote bestmöglich – so gut es der jeweils aktuell technische Zustand ermöglicht – situativ relevant ausgespielt werden. Er muss jedoch keine Vollständigkeit des Modells gewährleisten, das heißt, es müssen nicht alle Indikationen auf der Plattform verfügbar sein. Zudem übernimmt er keine verbindliche Zusicherung, dass die bereits von der Gesundheitsplattform unterstützten Indikationen vollständig durch Informations- und Serviceangebote versorgt werden und somit alle denkbaren Spezialfälle einer Indikation abdecken.

      Um einen schnellen Start der nationalen Gesundheitsplattform zu ermöglichen, ist sie so konzipiert, dass sie sich zunächst auf die in der Bevölkerung am häufigsten vorkommenden Diagnosen konzentriert. Auch schon mit wenigen qualitätsgesicherten Informations- und Serviceangeboten kann sie vielen Patientinnen und Patienten direkt einen spürbaren Vorteil bieten – jedoch nicht allen und nicht in jeder erdenklichen Situation. Der Pathway Model Owner muss daher mit dem Fakt umgehen, dass Pfadmodelle nie wirklich fertig oder vollständig sind. Mit der Zeit werden neue Erkenntnisse gewonnen und so können immer neue Angebote in das Pfadmodell aufgenommen werden. Selbst ohne weitere Angebote kann ein Pfadmodell sich ändern, z. B. wenn nach Auswertung der Gesundheitsplattformnutzung die Präzision der situativen Ausspielung von Angeboten verbessert wird. Wie alle Rollen, die für einen Bereich Verantwortung übernehmen, sollte die Rolle des Pathway Model Owners von einer einzigen Person übernommen werden. Das bedeutet nicht, dass diese alle ihre Aufgaben ohne Unterstützung allein durchführen muss – sie wird sich mit anderen abstimmen und beraten. Aber sie trägt die Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen in ihrem Aufgabenbereich. Der Pathway Model Owner benötigt Werkzeuge, die sich deutlich von denen der anderen Pfadmodellentwickler-Rollen unterscheiden – vor allem im Bereich der Planung, welche Indikationen künftig unterstützt werden sollen. Dazu wird eine gute Übersicht benötigt, in welchem Zustand sich die existierenden Pfadmodelle befinden. Es muss z. B. bekannt sein, wie viele Patienteninformationspfade auf Basis eines Pfadmodells erstellt wurden, wie das Feedback der Patientinnen und Patienten ausfällt, wann und wie ein Pfadmodell zuletzt aktualisiert wurde. Zudem muss der Pathway Model Owner eine Roadmap bzw. einen Backlog an Indikationen aufbauen und priorisieren können, für welche Indikationen zukünftig Pfadmodelle erstellt werden sollen. Pathway Model Manager und Contextual Information Manager unterstützen den Pathway Model Owner direkt bei der Arbeit.

      Pathway Model Manager

      Pathway Model Manager übernehmen die inhaltliche Verantwortung für die Entwicklung eines indikationsspezifischen Pfadmodells. Den Namen der Indikation tragen sie auch im Rollennamen (z. B. Pathway Model Manager Kniearthrose oder Pathway Model Manager Bluthochdruck ). Sie verantworten, in welchen Situationen welche Informations- und Serviceangebote zu welchen Themen aus welchen Themengebieten angeboten werden, das heißt, welche Elemente in das Pfadmodell aufgenommen werden.

      Weiterhin prüfen sie, ob Themengebiete, Themen oder Angebote aus Pfadmodelleen, die auf einer tieferen Hierarchieebene schon vorhanden sind, auf die Ebene ihrer Indikation hochgezogen werden können. So prüft beispielsweise der Pathway Model Manager Arthrose, ob es im Kniearthrose-Pfadmodell Elemente gibt, die nicht spezifisch für Kniearthrose sind, sondern für alle Arthrose-Indikationen gelten, die momentan von der nationalen Gesundheitsplattform unterstützt werden und daher hochgezogen werden können (vgl. Pfadmodellierung: Grundlagen). Etwaige Anpassungen stimmen sie dann mit dem entsprechenden Pathway Model Manager ab (in diesem Beispiel mit dem Pathway Model Manager Kniearthrose). Zu den Aufgaben der Pathway Model Manager zählt auch die regelmäßige Prüfung, ob alle Bedingungsfaktoren, die in der Modellierung des Pfadmodells verwendet werden, bereits mithilfe vorhandener Kontextfaktoren überprüft werden können. Falls nicht, erfolgt eine direkte Abstimmung mit dem Contextual Information Manager oder indirekt mit dem Pathway Model Owner.

      Da für jede Indikation eine eigene Pathway Model Manager-Rolle vorgesehen ist, wird es im Laufe der Zeit eine große Anzahl an Personen mit dieser Rolle geben. So enthält beispielsweise die „Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-11)“ über 50.000 Indikationskategorien – entsprechend viele Pathway Model Manager-Rollen könnten theoretisch existieren. Allerdings ist für jede spezifische Indikation nur genau eine Person als Pathway Model Manager zuständig – so gibt es beispielsweise nur eine verantwortliche Person für die Rolle als Pathway Model Manager Kniearthrose. Eine einzelne Person kann aber mehrere dieser Rollen übernehmen, sofern sie über die entsprechende fachliche Expertise in mehreren Indikationsbereichen verfügt. Hinzu kommt der Sonderfall für das Indikationsunabhängige Pfadmodell. Hier gibt es den Indikationsunabhängigen Pathway Model Manager. Direkt bei ihrer Arbeit unterstützt werden Pathway Model Manager von Medical Indication Experts und Thematic Experts.

      Pfadmodellentwickler mit der Rolle Pathway Model Manager haben immer für die entsprechende Indikation auch die Rolle Medical Indication Expert (z. B. hat der Pathway Model Manager Kniearthrose auch die Rolle Medical Indication Expert Kniearthrose). Die Werkzeugunterstützung für Pathway Model Manager unterscheidet sich nur wenig von der für Medical Indication Experts. Jedoch müssen Erstere – über die Aufgaben der Medical Indication Experts hinaus – Elemente in ihrem Pfadmodell invalidieren bzw. entfernen können sowie Begründungen für diese Entscheidungen hinterlegen können. Dies geschieht stets in Absprache mit den zugehörigen Medical Indication Experts. Zudem muss es für sie durch die Werkzeugunterstützung einfach möglich sein, auch größere Gruppen von Elementen (z. B. mehrere Themen oder Themengebebiete, eine Teilmenge der verfügbaren Angebote zu einem Thema) von einem Pfadmodell in ein anderes zu verschieben.

      Medical Indication Expert

      Medical Indication Experts bringen ihre fachliche Expertise bezüglich einer bestimmten Indikation bei der Entwicklung eines indikationsspezifischen Pfadmodells mit ein. Den Namen der Indikation tragen sie auch in ihrem Rollennamen (z. B. Medical Indication Expert Kniearthrose oder Medical Indication Expert Bluthochdruck). Sie fügen Themengebiete, Themen sowie Informations- und Serviceangebote zum Pfadmodell hinzu und ordnen diese den geeigneten Phasen zu. Weiterhin geben sie für alle diese Elemente Bedingungen an, die festlegen, wann diese aktiviert und somit situativ relevant sind (vgl. Pfadmodellierung: Grundlagen). Sollten nicht alle Bedingungsfaktoren bereits definiert sein, die zur Festlegung einer Bedingung benötigt werden, können auch neue Bedingungsfaktoren vorgeschlagen werden. Diese werden dann von Contextual Information Experts bearbeitet. Identifizieren Medical Indication Experts Elemente, die besser auf einer höheren Ebene in der Pfadmodellhierarchie eingefügt werden sollten, stimmen sie dies mit dem entsprechenden Pathway Model Manager ab.

      Indikationsspezifische Pfadmodelle werden aus einfachen Elementen erstellt. Wenn über die Zeit aber viele – möglichst alle – Themengebiete, Themen und die zugehörigen Informations- und Serviceangebote im Modell aufgenommen werden, die für Patientinnen und Patienten in bestimmten Situationen wichtig sein könnten, wird ein Pfadmodell ein komplexes Konstrukt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine einzige Person über die fachliche Expertise verfügt, alle Aspekte einer Indikation modellieren zu können. Vielmehr ist davon auszugehen, dass mehrere Medical Indication Experts an der Erstellung eines indikationsspezifischen Pfadmodells beteiligt sind, damit alle relevanten Aspekte berücksichtigt werden. So kann es beispielsweise mehrere Personen mit der Rolle Medical Indication Expert Kniearthrose geben (in Abbildung „Unterstützung bei der Pfadmodellentwicklung“ sind es drei). Jede Person kann mehrere Medical Indication Expert-Rollen übernehmen, sofern sie über die entsprechenden erforderlichen Fachkenntnisse verfügt.

      Ihre Werkzeugunterstützung muss den Medical Indication Experts vor allem den Status der Pfadmodellelemente kommunizieren. Sie müssen stets wissen, welche Elemente bereits vom zugehörigen Pathway Model Manager genehmigt wurden. Da sie in der Regel nie mit einem leeren Pfadmodell starten (vgl. Pfadmodellierung: Grundlagen), muss ihnen klar vermittelt werden, welche Elemente aus welcher Pfadmodellhierarchieebene stammen. Zudem muss für sie klar erkennbar sein, welche Bedingungsfaktoren bereits mithilfe von Kontextfaktoren überprüft werden können und welche noch nicht.

      Um sich an Modellierungskonstrukten aus anderen Pfadmodellen orientieren zu können, sollten die Medical Indication Experts alle Pfadmodelle einsehen können. Das gilt sowohl für direkt über oder unter dem eigenen in der Hierarchie liegende, als auch für alle anderen Pfadmodelle, die irgendwo sonst in der Pfadmodellhierarchie eingeordnet sind (z. B. könnte das Pfadmodell Kniearthrose Elemente aus dem Pfadmodell Arthrose übernehmen und aus dem indikationsunabhängigen Pfadmodell).

      Thematic Expert

      Die Rolle der Thematic Experts hat viel Ähnlichkeit mit der Rolle der Medical Indication Experts. Allerdings bringen Erstere keine fachliche Expertise zu einer bestimmten Indikation ein, sondern bezüglich eines Querschnittsthemas, das in der Regel für mehrere indikationsspezifische Pfadmodelle relevant ist. Die Querschnittsthemen können ganz unterschiedlicher Natur sein, etwa „Schmerzmittel“, „Physiotherapie“, „Krankengeld“, „Reha“,  Wiedereingliederung“, „Kniegelenkprothesen“ oder „Blutdruckmessgeräte“. Den Namen des Querschnittsthemas tragen sie auch im Rollennamen (z. B. Thematic Expert Schmerzmittel oder Thematic Expert Blutdruckmessgeräte).

      Analog zu Medical Indication Experts fügen sie Themengebiete, Themen sowie Informations- und Serviceangebote zu indikationsspezifischen Pfadmodellen hinzu und ordnen diese den geeigneten Phasen der Pfadmodelle zu. Darüber hinaus geben sie für alle diese Elemente Bedingungen an, die festlegen, wann diese aktiviert und somit situativ relevant sind. Jedoch fügen Thematic Experts in der Regel nicht nur Elemente zu einem einzigen indikationsspezifischen Pfadmodell hinzu, sondern gleich zu mehreren. So sind beispielsweise Informations- und Serviceangebote zum Querschnittsthema „Reha“ oder „Krankengeld“ gleich für etliche Indikationen relevant, zum Beispiel für „Kniearthrose“, „Depression“ und  Bluthochdruck“.

      Ähnlich wie bei Medical Indication Experts ist es eher unwahrscheinlich, dass eine einzige Person über die fachliche Expertise verfügt, alle Aspekte eines Querschnittsthemas modellieren zu können. Vielmehr ist davon auszugehen, dass mehrere Thematic Experts Beiträge zu ein und demselben Querschnittsthema in die Pfadmodelle der Gesundheitsplattform einbringen, um alle relevanten Aspekte zu berücksichtigen. So kann es sein, dass mehrere Thematic Experts zu demselben indikationsspezifischen Pfadmodell beitragen (z. B. tragen im obigen Beispiel zwei Thematic Experts Blutdruckmessgeräte zum Pfadmodell für „Bluthochdruck“ bei). Thematic Experts übernehmen nicht die Verantwortung für ihr Querschnittsthema in der gesamten Pfadmodellhierarchie. Sie müssen somit nicht zu allen Pfadmodellen beitragen, zu denen sie potenziell beitragen könnten (z. B. kann ein Medical Expert Schmerzmittel zum Pfadmodell für „Kniearthrose“ beitragen, nicht aber zum Pfadmodell für „Migräne“ oder „Endometriose“). Jede Person kann mehrere Rollen als Thematic Expert einnehmen, sofern sie über die Expertise zu mehreren Querschnittsthemen für den patientenseitigen Informationsbedarf verfügt.

      Die Werkzeugunterstützung für Thematic Experts ist weitgehend vergleichbar mit der der Medical Indication Experts. Da jedoch davon auszugehen ist, dass sie ihre Expertise an unterschiedlichen Stellen in der Pfadmodellhierarchie in ähnlicher Weise einbringen, muss die Unterstützung so gestaltet sein, dass es möglich ist, Inhalte einfach zu kopieren (d. h. beispielsweise, dass identische Informationsangebote in verschiedenen Pfadmodellen sinnvoll sind). Zudem sollte ihnen eine Verfolgbarkeitsfunktion erleichtern, Inhalte in der Pfadmodellhierarchie schnell zu finden, wodurch es möglich wird, eine Änderung an einer Stelle gleich an allen anderen notwendigen Stellen durchführen oder zumindest eine Anpassung prüfen zu können.

       

       

      Contextual Information Manager

      Der Contextual Information Manager trägt die inhaltliche Verantwortung für die Bedingungsfaktorsammlung und die Kontextfaktorsammlung. Dazu gehört die Qualitätssicherung und dass schnellstmöglich alle Bedingungsfaktoren mithilfe von Kontextfaktoren ausgewertet werden können. Je mehr unterschiedliche Wege über die Zeit gefunden werden, wie sich ein und derselbe Bedingungsfaktor mit (einer Kombination von) unterschiedlichen Kontextfaktoren auswerten lässt, desto besser. So könnte beispielsweise der Bedingungsfaktor „Verschriebenes Medikament ist ein Schmerzmittel“ sowohl mit dem Kontextfaktor „Medikationsplan“, dem Kontextfaktor „E-Rezept“, dem Kontextfaktor „Elektronische Patientenakte (ePA)“ als auch mit einer „Medikamenten-Verwaltungs-App“ ausgewertet werden.

      Der Contextual Information Manager ist zudem für den Aufbau einer Simulationsumgebung verantwortlich, mit der Kontextfaktoren und damit auch Bedingungsfaktoren simuliert werden können. Die Simulationsumgebung erlaubt die Evaluation von (neuen) Pfadmodellen, auch wenn noch nicht alle Bedingungen mithilfe von Kontextfaktoren ausgewertet werden können. Die Simulationsumgebung ist somit unerlässlich für die Qualitätssicherung der nationalen Gesundheitsplattform.

      Die Rolle Contextual Information Manager soll von einer einzigen Person übernommen werden. Wie schon beim Pathway Model Owner bedeutet das nicht, dass diese Person alle Aufgaben ohne Unterstützung allein durchführen muss – vielmehr wird sie sich mit anderen abstimmen und beraten. Doch sie übernimmt letztlich die Verantwortung für die Entscheidungen in ihrem Aufgabenbereich.

      Zur Durchführung seiner Aufgaben benötigt der Contextual Information Manager eine umfassende Werkzeugunterstützung. Er braucht stets einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Bedingungsfaktor- und Kontextfaktorsammlung. Und er muss schnell identifizieren können, welche Bedingungsfaktoren noch nicht mithilfe von Kontextfaktoren ausgewertet werden können, aber dringend benötigt werden, um neue Pfadmodelle nutzen oder neue Angebote in existierenden Pfadmodellen ausspielen zu können. Wie alle anderen Pfadmodellentwickler-Rollen nutzt er die von ihm verantwortete Simulationsumgebung zur Evaluation und sorgt dafür, dass in der simulierten Umgebung alle Bedingungsfaktoren aus der  Bedingungsfaktorsammlung verwendet werden können, auch wenn für die Auswertung noch nicht alle Kontextfaktoren zur Verfügung stehen.
      Direkt unterstützt wird der Contextual Information Manager bei der Arbeit von Contextual Information Experts.

      Contextual Information Expert

      Contextual Information Experts sorgen dafür, dass Bedingungsfaktoren aus ihrem Kontextbereich (z. B. „Stammdaten“ oder „Medikation“) auf möglichst viele unterschiedliche Arten mithilfe von Kontextfaktoren ausgewertet werden können (vgl. Pfadmodellierung: Grundlagen). Den Namen des Kontextbereichs tragen sie auch in ihrem Rollennamen (z. B. Contextual Information Expert Stammdaten oder Contextual Information Expert Medikation). Sie versuchen, für jeden Bedingungsfaktor, der momentan noch nicht ausgewertet werden kann, einen Kontextfaktor bzw. eine Verknüpfung mehrerer Kontextfaktoren aus der Kontextfaktorsammlung zu finden, mit der sich der Bedingungsfaktor auswerten lässt. Werden sie fündig, tragen sie alle möglichen Varianten der Auswertung in die Bedingungsfaktorsammlung ein und legen damit fest, wie der Kontextfaktor sich von der nationalen Gesundheitsplattform auswerten lässt. Stellt die aktuelle Kontextfaktorsammlung keine Möglichkeit zur Verfügung, einen benötigten Bedingungsfaktor auszuwerten, gehen Contextual Information Experts auf die Suche nach neuen Kontextfaktoren, die eine Auswertung ermöglichen. Werden sie nicht fündig, geben sie dies an den Contextual Information Manager weiter. Werden sie fündig, tragen sie die neue Auswertungsmöglichkeit in die Bedingungsfaktorsammlung ein.

      Zudem fügen sie den neuen Kontextfaktor der Kontextfaktorsammlung hinzu. Zu diesem Eintrag gehört auch eine Datenmodellspezifikation, die beschreibt, wie der Kontextfaktor von der Gesundheitsplattform digital verwendet werden kann. Contextual Information Experts müssen somit über gute technische Kenntnisse verfügen. Sie prüfen für jeden neu hinzugefügten Kontextfaktor in der Sammlung, ob Bedingungsfaktoren aus ihrem Kontextbereich davon profitieren können, ob also neue Arten der Auswertung damit ermöglicht werden. Im Laufe der Zeit wird es für viele Bedingungsfaktoren mehrere Möglichkeiten geben, sie mithilfe von Kontextfaktoren auszuwerten. Es ist davon auszugehen, dass die unterschiedlichen Möglichkeiten zu Auswertungsergebnissen mit unterschiedlicher Qualität führen (z. B. kann „Erhöhte Körpertemperatur“ auf Basis von Kontextfaktoren ermittelt werden, die mit Nachkommastellen arbeiten oder nur mit ganzen Gradzahlen).  Contextual Information Experts müssen in diesen Fällen in der Bedingungsfaktorsammlung Auswertungsregeln definieren, sodass die Gesundheitsplattform stets die bestmögliche Auswertung verwendet (i. d. R. die auf Basis der genauesten Werte).

      Da es eine große Zahl an Bedingungsfaktoren geben wird, werden auch mehrere Contextual Information Experts benötigt. Es ist zudem nicht davon auszugehen, dass eine einzige Person über die fachliche und technische Expertise verfügt, alle Bedingungsfaktoren eines Kontextbereichs allein abdecken zu können. Vielmehr werden mehrere Contextual Information Experts Beiträge zu ein und demselben Kontextbereich einbringen, um alle Bedingungsfaktoren darin abzudecken (z. B. durch vier Contextual Information Experts Medikation). Ein Contextual Information Expert übernimmt nicht die Verantwortung für den gesamten Kontextbereich in der Bedingungsfaktorsammlung – er muss somit nicht zu allen Bedingungsfaktoren beitragen, zu denen er potenziell beitragen könnte. Jede Person kann mehrere Rollen als Context Information Expert einnehmen, sofern sie über die entsprechende Expertise zu mehreren Kontextbereichen verfügt.

      Die Werkzeugunterstützung der Contextual Information Experts überschneidet sich mit der der Contextual Information Manager. Auch sie brauchen stets einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Bedingungsfaktor- und Kontextfaktorsammlung; und sie müssen leicht identifizieren können, welche Bedingungsfaktoren sich noch nicht mithilfe von Kontextfaktoren auswerten lassen. Sie nutzen zudem intensiv die Simulationsumgebung, um die von ihnen neu getätigten Ergänzungen zu evaluieren. Dazu gehört die Evaluation neuer Optionen der Auswertung von Bedingungsfaktoren, neuer Kontextfaktoren oder neuer Regeln bezüglich der Priorisierung von unterschiedlichen Auswertungsoptionen.

      Bedingungsfaktorsammlung und Kontextfaktorsammlung

      Bedingungen werden in Pfadmodellen genutzt, um so genau wie möglich anzugeben, unter welchen Umständen ein Informations- oder Serviceangebot situativ relevant ist. Eine Bedingung referenziert mindestens einen Bedingungsfaktor, z. B. „BMI-Wert >= 25“ oder „Geplante Diagnosetechnik ist Magnetresonanztomographie“. In einer einzigen Bedingung lassen sich auch mehrere Bedingungsfaktoren miteinander verknüpfen, etwa „Verschriebenes Medikament ist ein Schmerzmittel“ UND „Patientin ist schwanger“. Alle Bedingungsfaktoren, die zur Modellierung von Bedingungen zur Verfügung stehen, sind in der Bedingungsfaktorsammlung hinterlegt, die ständig erweitert wird. Weitere Informationen zur Bedingungsfaktorsammlung stehen im Abschnitt zur Rolle Contextual Information Manager.

      Bedingungen können mithilfe von Kontextfaktoren ausgewertet werden. Diese beschreiben den aktuellen Kontext einer Patientin oder eines Patienten. In vielen Fällen gibt es mehrere Möglichkeiten, ein und dieselbe Bedingung mit (einer Kombination von) unterschiedlichen Kontextfaktoren auszuwerten. So kann etwa die Bedingung „Verschriebenes Medikament ist ein Schmerzmittel“ sowohl mit dem Kontextfaktor „Medikationsplan“ als auch mit dem Kontextfaktor „E-Rezept“ oder dem Kontextfaktor „Elektronische Patientenakte (ePA)“ ausgewertet werden. Auch zur Auswertung der „Körpergröße“ oder des „BMI-Werts“ gibt es mehrere Kontextfaktoren. Alle Kontextfaktoren, die in der Modellierung von Pfadmodellen zu Verfügung stehen, sind in der Kontextfaktorsammlung hinterlegt, die ständig erweitert wird. Weitere Informationen zur Kontextfaktorsammlung stehen im Abschnitt unten zur Rolle Contextual Information Expert.

      Ergänzungen zur Werkzeugunterstützung

      Zusätzlich zu den Abschnitten bezüglich der Werkzeugunterstützung in den jeweiligen Kapiteln werden im Folgenden generelle Konzepte und Überlegungen zur Werkzeugunterstützung ergänzt, die sich auf alle vorgestellten Rollen beziehen. Zudem werden – wie schon im Beitrag zur Kontextfaktorerkennung (vgl. Pfadmodellierung: Kontextinformationen stiften schnellen Nutzen) – drei Ausbaustufen beschrieben, wie sich die Werkzeugunterstützung über die Zeit verändern kann.

      Generelle Konzepte und Überlegungen

      Dieser Abschnitt verzichtet bewusst auf Abbildungen einer Werkzeugunterstützung. Auch wenn es sich dabei lediglich um Skizzen, Wireframes oder Prototypen handeln würde, sind einige grundlegende Punkte noch nicht geklärt – die jedoch einen großen Einfluss auf die Interaktionsgestaltung und damit die Gestaltung der Werkzeuge selbst haben. Einige dieser Punkte sind

      • die Zahl der Pfadmodelle, die von der nationalen Gesundheitsplattform unterstützt werden,
      • die Zahl der Elemente innerhalb eines indikationsspezifischen Pfadmodells,
      • der Umfang der Bedingungsfaktorsammlung,
      • der Umfang der Kontextfaktorsammlung sowie
      • die Art, wie die Gesundheitsinformations- und Gesundheitsservice-Angebote von Dritten tatsächlich technisch mit der Gesundheitsplattform  verknüpft werden (z. B. als Kopie oder als Link).

      Die ersten vier Punkte führen je nach Umfang zu vollkommen unterschiedlichen Werkzeugkonzepten hinsichtlich Interaktionsgestaltung und Nutzungserlebnis. Der fünfte und letzte Punkt hat einen großen Einfluss darauf, wie die Pfadmodellentwicklerinnen und -entwickler die Verknüpfung mit den eigentlichen Inhalten herstellen, die von Informations- und Serviceanbietern bereitgestellt werden. Liegen die Inhalte als Kopie lokal auf der Plattform, kann ganz anders damit gearbeitet werden, als wenn sie bei ihren jeweiligen Anbietern gespeichert sind. Auch wenn dies für Patientinnen und Patienten letztlich keinen (großen) Unterschied macht, ist doch der Einfluss auf die Arbeitsweise der Pfadmodellentwickler immens. Um keine falschen Erwartungen zu wecken, wird daher auf eine visuelle Darstellung der Werkzeugunterstützung (hier noch) verzichtet.

      Zur Werkzeugunterstützung sollte zudem eine sehr gute Suchfunktion gehören, die es allen Pfadmodellentwickler-Rollen schnell und einfach ermöglicht, jede Art von Modellelement zu finden, das sich im InfoCure-Pool, in der Pfadmodellhistorie, der Bedingungsfaktorsammlung oder in der Kontextfaktorsammlung befindet.

      Um die Auswirkungen von Modelländerungen leicht überprüfen zu können, könnte den Pfadmodellentwicklern eine Vorschaufunktion helfen, die ihnen direkt zeigt, wie ihre Änderungen den Patientinnen und Patienten angezeigt werden (z. B. in der LIV-App (vgl. Entdecken statt suchen: Prototyp für eine nationale Gesundheitsplattform). Eine solche Funktionalität ließe sich beispielsweise in die Simulationsumgebung integrieren, die der Contextual  Information Manager betreut.

      Mögliche Ausbaustufen

      Wie beschrieben, kann die skizzierte Gesundheitsplattform in mehreren aufeinander aufbauenden Stufen schrittweise ausgebaut werden (vgl. Pfadmodellierung: Kontextinformationen stiften schnellen Nutzen). Im Laufe der Zeit werden nicht nur immer mehr Indikationen unterstützt – auch Patientinnen und Patienten erhalten zunehmend neue und erweiterte Funktionen. Ähnlich verhält es sich bei den Werkzeugen, die für die Rollen der Pfadmodellentwickler bereitgestellt werden: Hier wird die Unterstützung ebenfalls stetig ausgebaut. Nachfolgend wird am Beispiel von drei Ausbaustufen gezeigt, wie sich die Werkzeugunterstützung mit der Zeit verändern könnte.

      In einer ersten Ausbaustufe erstellen die Entwicklerinnen und Entwickler alle Pfadmodelle in den Entwicklungswerkzeugen von Hand. Jedes einzelne Modellelement (Themengebiet, Thema, Angebot, Bedingung, Kontextfaktor) wird manuell zu einem Pfadmodell hinzugefügt. Dabei beruht sowohl die Auswahl der Modellelemente als auch die Zuordnung zu anderen Modellelementen allein auf der Expertise der jeweiligen Pfadmodellentwicklerinnen und -entwickler. Die Werkzeugunterstützung macht noch keine Vorschläge zur Auswahl oder Zuordnung und es gibt auch keine automatische Zuordnung von Modellelementen. Das bedeutet insbesondere, dass es auch keine Unterstützung bei der Suche und der Auswahl von Gesundheitsservice- und Gesundheitsinformationsangeboten gibt. Pfadmodellentwicklerinnen und -entwickler müssen wissen, wo solche Angebote zu finden sind, und müssen die dort verfügbaren Suchfunktionen der Informations- und Serviceanbieter nutzen, um Angebote zu finden, sofern vorhanden.

      In einer zweiten Ausbaustufe gibt es für die Pfadmodellentwicklerinnen und -entwickler eine erste Software-Unterstützung: Diese macht Vorschläge zur Auswahl an Themenbereichen, Themen, Angeboten, Bedingungen und Kontextfaktoren und wo diese im Pfadmodell platziert werden könnten. Die Software-Unterstützung kann auch Künstliche Intelligenz (KI) nutzen, um diese Funktionalität anzubieten. Das ist aber nicht zwingend erforderlich. Ziel ist, davon zu profitieren, dass Software sehr große Datenmengen verarbeiten kann, die ein Mensch möglicherweise gar nicht kennt und erst recht nicht so schnell verarbeiten kann. Alle Vorschläge der Software werden den Pfadmodellentwicklerinnen und -entwicklern vorgelegt und müssen von ihnen akzeptiert werden, bevor sie ins Pfadmodell integriert werden. In dieser Ausbaustufe kann die Software nur einzelne Modellelemente vorschlagen, keine größeren Modellbereiche und schon gar kein ganzes Pfadmodell.

      In einer dritten Ausbaustufe gibt es eine umfangreiche Software-Unterstützung für die Pfadmodellentwicklerinnen und -entwickler. Die Software kann Modellelemente selbstständig an der richtigen Position Pfadmodellen zuordnen und sogar größere Bereiche in Pfadmodellen selbstständig anlegen. Damit können existierende Modelle ergänzt und darüber hinaus sogar neue Pfadmodelle für Indikationen erstellt werden, die bisher noch nicht von der nationalen Gesundheitsplattform unterstützt werden. Um der hohen Erwartung an die Qualität der Gesundheitsplattform gerecht zu werden, müssen die Anpassungen, die die Software vorschlägt, aber immer noch von einer Pfadmodellentwicklerinnen oder -entwicklern abgenommen werden. Über die Zeit wird sich  herausstellen, wie zuverlässig die automatisiert erzeugten Modelle und Beiträge sind. Ist die Qualität über einen längeren Zeitraum „gut genug“, könnten auch Beiträge einer Software vollautomatisch übernommen werden, ohne dass eine manuelle Kontrolle notwendig ist.

      Die nationale Gesundheitsplattform in mehreren Stufen nach und nach auszubauen, hat nicht nur den Vorteil, dass sie sehr schnell und mit einem überschaubaren Aufwand an den Start gebracht werden kann. Die Pfadmodellentwicklerinnen und -entwickler können so in ihrer alltäglichen Arbeit auch viel besser die Stellen identifizieren, die das größte Potenzial für eine Automatisierung aufweisen, und erkennen, wie diese Automatisierung gestaltet werden muss. So lässt sich stets sicherstellen, dass möglichst viele möglichst stark von der Automatisierung profitieren und kein Entwicklungsaufwand  verschwendet wird.

      Ein skalierbares Rollenmodell

      In diesem Beitrag wurden alle Rollen beschrieben, die an der Entwicklung eines Pfadmodells beteiligt sind. Neben ihren Aufgaben wurden für jede Pfadmodellentwickler-Rolle ihre Kardinalitäten (d. h. ihre Anzahlbeziehungen), ihre Werkzeugunterstützung sowie ihre Beziehungen zu anderen Pfadmodellentwickler-Rollen spezifiziert. Auch wenn mit der Zeit eine große Zahl an Personen in den verschiedenen Rollen benötigt wird, zeigt dieser Beitrag ganz klar, dass die nationale Gesundheitsplattform mit einer geringen Zahl an Expertinnen und Experten starten und somit schnell einen Nutzen für Patientinnen und Patienten bieten kann. Es muss keine neue KI erschaffen oder trainiert werden, es muss zunächst kein Skalierungs- oder Performanzproblem gelöst werden – und vor allem muss kein einziges indikationsspezifisches Pfadmodell vollständig erstellt werden, bevor es losgehen kann. Wenige, geschickt ausgewählte Pfadmodelle mit wenigen, aber oft benötigten Gesundheitsinformations- und -serviceangeboten bringen schon einen direkten Mehrwert.

      Autoren

      Dr. Matthias Naab und Dr. Marcus Trapp sind Co-Founder von Full Flamingo. Sie helfen Unternehmen, pragmatisch die wichtigen Entscheidungen in der digitalen Transformation abzusichern. Bis 2022 waren sie am Fraunhofer IESE als Führungskräfte tätig und haben das Thema „Digitale Ökosysteme und Plattformökonomie“ mit aufgebaut und verantwortet.

      Empfohlene Artikel

      Pfadmodellierung: Grundlagen

      In unserer Vision bieten nationale Gesundheitsplattformen den Patientinnen und Patienten vertrauenswürdige Gesundheitsinformationen und -services, die optimal für die jeweils aktuelle gesundheitliche Situation ausgewählt und aufbereitet sind. Die Grundlage solcher Patienteninformationspfade bilden sogenannte Pfadmodelle. Dieser Beitrag beschreibt, wie indikationsspezifische Pfadmodelle gestaltet werden können und wie damit sichergestellt wird, dass alle ausgespielten Gesundheitsangebote inhaltlich und situativ relevant sind.

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      Pfadmodellierung: Kontextinformationen stiften schnellen Nutzen

      Nur wenn auf der nationalen Gesundheitsplattform der aktuelle Kontext von Patientinnen und Patienten genau bekannt ist, können diese auf der Plattform in ihrem Krankheitsverlauf optimal unterstützt werden. Dieser Beitrag zeigt, wie es gelingen kann, auch schon ohne vollautomatische Erkennung von Kontextinformationen bereits einen spürbaren Nutzen zu stiften. Dies eröffnet die Möglichkeit, die Gesundheitsplattform zeitnah in einer ersten Ausbaustufe zu verwirklichen und schnell einen echten Mehrwert zu stiften. Die nationale Gesundheitsplattform bietet bereits ab dem Start einen erheblichen Nutzen für Patientinnen und Patienten.

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        Ohne Kontext ist alles nichts

        Dr. Matthias Naab
        Dr. Marcus Trapp

        Wer ärztliche Hilfe in Anspruch nimmt, muss meist viele Fragen zur Krankengeschichte beantworten. Ärztinnen und Ärzte stellen diese Fragen, um die Zahl der möglichen Diagnosen einzugrenzen. Diese sogenannte Anamnese ist ein fester Bestandteil der ärztlichen Diagnostik und die darin enthaltenen Kontextinformationen helfen, im nächsten Schritt die passende Behandlung zu finden. So lassen Kontextinformationen in den unterschiedlichsten Bereichen unseres Lebens Nutzen entstehen. Dieser Gedanke bildet auch das Leitprinzip der hier vorgestellten Konzeption für eine nationale Gesundheitsplattform.

        Nicht nur im medizinischen Umfeld, auch im Alltagsleben ist es sehr hilfreich, etwas über den Kontext zu wissen, um bestimmte Probleme lösen oder anderen Menschen Ratschläge geben zu können. Wenn uns jemand nach dem Weg zu einem bestimmten Ziel fragt, müssen wir zumindest wissen, wo sich die Person gerade befindet und welche Verkehrsmittel ihr zur Verfügung stehen. Fragt uns jemand nach Beziehungstipps, sollten wir ebenfalls etwas zur aktuellen Partnerkonstellation und Beziehungssituation wissen.

        Der Blick auf die uns umgebende IT-Welt lässt dies noch deutlicher werden. Wenn wir mit Software-Systemen arbeiten, die keinerlei Kontext einbeziehen, erscheinen sie uns oft limitiert. So spucken etwa die Basisversionen von Suchmaschinen, denen kein Kontext zur Verfügung steht, riesige Mengen an Ergebnissen aus. Die Suche nach „Restaurant“ führt dann unter anderem zu Erklärungstexten, die den Begriff Restaurant definieren. Das mag für manche Suchintention sogar das richtige Ergebnis sein, doch die meisten Menschen suchen nach „Restaurant“, wenn sie wissen möchten, welche Restaurants sich in der Nähe befinden.

        Bezieht die Suchmaschine den eigenen Kontext automatisch ein, so wird das Ergebnis plötzlich vielfach bedeutender: Die aktuelle Position führt dann zu Restaurantvorschlägen in der Nähe. Berücksichtigt die Software noch weitere Aspekte wie Uhrzeit oder persönliche Essenspräferenzen, so wird das Ergebnis immer hilfreicher und schränkt die Vorauswahl auf passende Restaurants ein, die gerade geöffnet sind und zu den individuellen Vorlieben passen. Alternativ bestünde immer die Möglichkeit, die gesammelten Kontextinformationen selbst einzugeben, etwa den Ort oder den Zeitpunkt des Besuchs. Solche Nutzerangaben würden dann ebenfalls gute Ergebnisse liefern, gleichzeitig aber auch den Bedienungsaufwand erhöhen.

        Suchmaschinen sind nur ein Beispiel; es gibt zahlreiche weitere Softwareapplikationen, die durch die Einbeziehung von Kontextinformation gleichermaßen bessere Ergebnisse liefern: Seien es Navigationssysteme, die für eine zuverlässige Navigation kontinuierlich den aktuellen Standort benötigen, seien es Fitnesstracker, die Empfehlungen aus zahlreichen beobachteten Körperwerten ableiten, oder seien es Partnervermittlungsportale, die nur vielversprechende Vorschläge machen können, wenn Eigenschaften und Vorlieben geteilt werden.

        Die Vielfalt von Softwareapplikationen, die mithilfe von Kontext arbeiten und auf diese Weise Nutzen bringen, hat dafür gesorgt, dass die überwältigende Mehrheit der Nutzerinnen und Nutzern damit grundsätzlich vertraut ist und entsprechende Kontextfaktoren mit den Softwaresystemen teilt, um in den Genuss individuell zugeschnittener Angebote zu kommen.

        Als intelligent und besonders hilfreich wahrgenommene Features basieren so gut wie immer auf der Verwendung von Kontextinformationen und lassen die Ansprüche der Nutzerschaft immer weiter wachsen. Wer neue, erfolgreiche Dienste erschaffen möchte, setzt daher auf einen höheren Automatisierungsgrad sowie bessere Nutzungserfahrung und führt dazu vorhandene Informationen und Kontextinformationen zusammen.

        Erst Kontext ermöglicht echten Patientennutzen

        Ein zentrales Ziel der nationalen Gesundheitsplattform besteht darin, Patientinnen und Patienten vertrauenswürdige Gesundheitsinformationen und -services anzubieten, die optimal für deren aktuelle gesundheitliche Situation ausgewählt und aufbereitet sind.

        Die Abbildung unten zeigt eine minimalistische Form der nationalen Gesundheitsplattform. Hier werden Informations- und Serviceangebote an Patientinnen und Patienten vermittelt, ohne dass explizit Kontextinformationen von außerhalb einfließen.

        Die nationale Gesundheitsplattform soll einen möglichst hohen Nutzen für Patientinnen und Patienten erzeugen, indem verlässliche Gesundheitsinformationen und -services so passend wie möglich zur aktuellen gesundheitlichen Situation angeboten werden. Um dies leisten zu können, müssten notwendige Kontextinformationen manuell von der jeweilige Patientin oder dem Patienten eingegeben werden. Diese Lösung ist in der heutigen Zeit jedoch kaum noch akzeptabel, denn sie würde nutzerseitig hohe Aufwände erzeugen und daher keine nennenswerte Verbreitung finden. Allerdings ist es unerlässlich, den jeweiligen Kontext von Patientinnen und Patienten als Grundlage der Auswahl und des Angebots einzubeziehen.

        Die Kernidee der hier entworfenen Plattform besteht darin, Kontextinformationen, die schon an unterschiedlichen Stellen in anderen IT-Systemen (z. B. in Praxisverwaltungssystemen, in der elektronischen Patientenakte oder in Health Trackern) verfügbar sind, für die Auswahl von Informationen und digitalen Services auf der nationalen Gesundheitsplattform nutzbar zu machen. Somit können Patientinnen und Patienten selbstbestimmt Kontextinformationen zu ihrer Person aus anderen IT-Quellen für ein besonders hilfreiches und einfaches Nutzungserlebnis einfließen lassen. Die so erzielbare Qualität in den Ergebnissen könnte künftig ein starkes Alleinstellungsmerkmal der Plattform bilden.

        Wie aus Kontextinformation konkreter Patientennutzen entsteht

        Nur wenn es gelingt, Services und Informationen automatisch und mit hoher Passung zum individuellen Kontext bereitzustellen, werden Nutzende sie akzeptieren. Deshalb soll die nationale Gesundheitsplattform Informationen in einen strukturierten Lern- und Interaktionsprozess einbetten und so eine Vielzahl personalisierter Patienteninformationspfade entstehen lassen (vgl. Entdecken statt suchen).

        Als Patienteninformationspfad wird ein konkreter Interaktionsdurchlauf einer Patientin oder eines Patienten verstanden, bei dem immer passend zum Kontext geeignete Services und Informationen angeboten werden und somit zielgerichtet Unterstützung geleistet wird, die als nutzbringend wahrgenommen wird. Ausgehend von der Vielzahl möglicher Informationspfade, stellt sich die Frage, wie diese Art der Unterstützung automatisch erzeugt werden kann. Selbst für Fachleute ist es herausfordernd, aus einer riesigen Menge von Informations- und Serviceangeboten die richtige Auswahl zu treffen.

        Die Lösung liegt in einer neu geschaffenen Modellierungssprache. Damit können Expertinnen und Experten ein Pfadmodell als Vorlage für den im Krankheitsverlauf auftretenden Informationsbedarf modellieren. Die so entstehenden Pfadmodelle berücksichtigen unterschiedliche Aspekte wie den Behandlungsverlauf im medizinischen Versorgungssystem, aber auch unterschiedliche Phasen der Krankheitsbewältigung oder leistungsrechtliche Fragen.

        Pfadmodellentwickler

        Die Entwicklung der Pfadmodelle erfordert noch eine weitere Rolle im digitalen Ökosystem: die der Pfadmodellentwickler. Dabei handelt es sich um Expertinnen und Experten, die den erwartbaren Informationsbedarf zu einer Indikation auf Basis typischer Krankheits-, Behandlungs- und Bewältigungsverläufe beschreiben. Der Community-Ansatz kann an dieser Stelle dazu beitragen, eine schnell wachsende und detaillierte Wissensbasis in der nationalen Gesundheitsplattform entstehen zu lassen.

        Bei der Modellierung spielt die Verarbeitung von Kontextinformationen eine zentrale Rolle: Der modellierte Verlauf wird mit den im Zeitverlauf erwartbaren Informationsbedarfen verknüpft. Zu bestimmten Kontexten (z. B. konservative versus operative Therapie) wird dann festgelegt, welche Gesundheitsinformationen und -services hier angeboten werden sollten. Auf diese Weise findet das Fach- und Erfahrungswissen ganz unterschiedlicher Akteure und wissenschaftlicher Disziplinen seinen Weg in die Informationspfade.

        Dieser Einsatz einer Experten-Community bildet einen Grundpfeiler der Qualitätssicherung und lässt modelliertes Wissen entstehen, das nachprüfbar und erklärbar ist. Ausgehend von Informationen zum situativen Kontext, werden die modellierten Vorlagen dynamisiert und erweitert. Durch diese Kombination aus Mensch und Technologie dürfte im Gegensatz zu rein KI-basierten Lösungen das Vertrauen in eine nationale Gesundheitsplattform gestärkt werden.

        Im Falle einer Umsetzung würden auf der nationalen Gesundheitsplattform millionenfach und automatisch personalisierte Patienteninformationspfade erzeugt und genutzt. Dabei werden durch die Pfadmodelle konkrete und patientenspezifische Kontextinformationen zur jeweils aktuellen Auswahl der angebotenen Gesundheitsinformationen und -services verwendet. Somit bilden die mit Fach- und Erfahrungswissen aufgeladenen Pfadmodelle das fehlende Puzzlestück, um Patientinnen und Patienten ein individuell zugeschnittenes Informationsangebot unterbreiten zu können.


        Was ist Kontext eigentlich genau? Ordnung im Begriffswirrwarr

        Bisher wurde der Begriff „Kontextinformationen“ in diesem Artikel abstrakt verwendet. Wenn über Daten und Informationen gesprochen wird, kommt es jedoch häufig zu Missverständnissen. Einerseits wird meist nicht unterschieden, um welche Daten und Informationen es sich genau handelt, und andererseits wird zu wenig über Einsatzzwecke, entstehende Nutzen und resultierende Schutzbedürfnisse gesprochen. Deshalb soll der Begriff „Kontext“ hier näher erläutert und abgegrenzt werden.

        Wenn in diesem Text von „Kontext“ die Rede ist, so meint dies Informationen über den jeweiligen Kontext einer bestimmten Person, die in IT-Systemen zur Verfügung stehen, um Angebote zu personalisieren. Zu Kontextinformationen zählen beispielsweise

        • grundsätzliche Personeneigenschaften: z. B. Alter, Geschlecht, Gewicht
        • Präferenzen der Patientinnen und Patienten: z. B. Präferenzen zu Informationsanbietern, Präferenzen zu Eigenschaften von Informationen (Sprache, Verständlichkeit etc.)
        • Informationen zum Gesundheitsstatus: z. B. Indikationen, Einnahme von Medikamenten, Nutzung von Gesundheitsdienstleistungen
        • Aktuelle Informationen: z. B. zu „Ereignissen“ wie der Verordnung eines neuen Medikaments, der Einweisung in ein Krankenhaus oder zu situativen Stimmungen und dem aktuellen Befinden
        • Informationen über Nutzung in der nationalen Gesundheitsplattform: z. B. schon gelesene Artikel, Feedback zu Artikeln

        Andere Informationen mit hoher Relevanz, die aber nicht zu den Kontextinformationen zählen, sind beispielsweise die verlässlichen Gesundheitsinformationen (z. B. erklärende Artikel zu einer bestimmten Krankheit). Diese werden von den Anbietern bereitgestellt und weisen keinerlei Personenbezug auf.

        Kontextinformationen haben in der hier skizzierten nationalen Gesundheitsplattform immer nur den direkten Zweck, den Nutzen für Patientinnen und Patienten zu erhöhen. Darauf baut auch der Schutz dieser Daten auf.


        Kontextinformationen in vertrauenswürdigen Händen

        Grundsätzlich könnten unterschiedliche Akteure im Markt ein digitales Ökosystem etablieren und mit dem Einverständnis von Patientinnen und Patienten ihre spezifischen Kontextinformationen in einer Plattform zusammenführen und weiterverarbeiten. Jeder Plattformbetreiber wird jedoch seine eigenen Wertvorstellungen bei der Gestaltung seiner Plattform einbringen. Bei der Konzeption der nationalen Gesundheitsplattform wurde daher besonders viel Wert darauf gelegt, eine vertrauenswürdige Trägerstruktur zu etablieren, die für einen verantwortungsvollen Umgang mit den sensiblen Kontextinformationen steht (vgl. Gesundheitsökosysteme erfolgreich etablieren).

        Kontextinformationen sollen immer nur mit dem Ziel verarbeitet werden, bessere Nutzungserfahrungen und bessere Informations- und Serviceangebote zu liefern. Genau darauf liegt der Fokus und deshalb werden diese Informationen nicht für ewige Zeit oder für andere Verwendungszwecke vorgehalten. Sofern die Datennutzung zu anderen Zwecken nicht explizit freigegeben wurde, werden die Daten nur so lange gespeichert, wie es für die Erfüllung des Zwecks notwendig ist.

        Die Patientin oder der Patient sollte über ein differenziertes Einwilligungssystem jederzeit die volle Kontrolle über die Verwendung personenbezogener Kontextinformationen behalten. Hierzu sollte es zu jeder Zeit möglich sein, die unterschiedlichen Anbieter und Quellen von Kontextinformationen zu steuern.

        Die gesamte Konstruktion zielt darauf ab, wertvollen Patientennutzen zu stiften und diesen auch klar in Richtung aller Akteure im Gesundheitswesen zu kommunizieren. Maßgeblich ist, dass durch den verantwortungsbewussten und transparenten Einsatz von Gesundheitsdaten Wohlfahrtseffekte und individuelle Nutzen entstehen können. Natürlich ist der Schutz personenbezogener Daten dabei stets zu gewährleisten.

        Kontext macht den Unterschied

        Kontext ist ein entscheidender Faktor, um Softwarelösungen nützlich und angenehm zu gestalten. Das gilt grundsätzlich für alle Bereiche und natürlich auch für das Gesundheitswesen. Während die Menschen diese Vorteile in vielen anderen Bereichen schon länger genießen, stoßen sie im Gesundheitswesen immer wieder auf fraktionierte Systeme, die den Kontext nicht oder nur unzureichend berücksichtigen.

        Mit den Patienteninformationspfaden könnte ein unmittelbar einleuchtender Nutzen für Patientinnen und Patienten geschaffen werden, denn der auf Kontextinformationen basierende, personalisierte Ansatz ermöglicht individuelle Nutzungserfahrungen und spart viel Zeit durch eine Angebotsauswahl mit hoher Passgenauigkeit.

        Autoren

        Dr. Matthias Naab und Dr. Marcus Trapp sind Co-Founder von Full Flamingo. Sie helfen Unternehmen pragmatisch, die wichtigen Entscheidungen in der digitalen Transformation abzusichern. Sie waren bis 2022 am Fraunhofer IESE als Führungskräfte tätig und haben das Thema „Digitale Ökosysteme und Plattformökonomie“ mit aufgebaut und verantwortet.

         

         



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          Informationsvermittlung als Prozess begreifen

          Dr. Sebastian Schmidt-Kaehler
          Dr. Inga Münch

          Viele Anbieter von Gesundheitsinformationen verfolgen gute Absichten. Sie möchten das Gesundheitsverhalten ihrer Adressaten positiv beeinflussen, Hilfestellung bei der Krankheitsbewältigung leisten oder Behandlungsentscheidungen unterstützen. Im digitalen Zeitalter verfehlen viele dieser Informationen jedoch das Nadelöhr der Aufmerksamkeit und verhallen wirkungslos in der ständig wachsenden Informationsflut. Kontextsensitive Informationspfade könnten Abhilfe schaffen und Streuverluste verringern.

          Die Produktion und Bereitstellung von Gesundheitsinformationen folgen nicht selten der Vorstellung, dass Informationen von einem Sender über einen Kanal an einen Empfänger übermittelt werden, der diese dann versteht und in neues Wissen überführt. Ist eine Nachricht einmal übermittelt, kann sie ihre Wirkung entfalten, Entscheidungen prägen oder das Verhalten beeinflussen. Diese Vorstellung des sogenannten Sender-Empfänger-Modells aus den 1940er Jahren wird der Wirklichkeit jedoch kaum gerecht, denn die Aneignung von Informationen ist kein punktuelles Ereignis, sondern ein hochkomplexer Lernprozess mit vielen Einflussfaktoren.

          Eine wissenschaftliche Disziplin, die sich dieser Komplexität des Wissens- und Kompetenzerwerbs seit jeher widmet, sind die Erziehungswissenschaften: Die pädagogische Didaktik hat das einfache Sender-Empfänger-Modell schon immer in Frage gestellt und wendet sich gegen vermeintliche „Eintrichterungstheorien“. Sie begreift Lernen stattdessen als einen individuellen Prozess der Selbstorganisation von Wissen. Der Erwerb von Wissen und Kompetenzen wird dabei niemals als Momentaufnahme, sondern als fortlaufender und planbarer Prozess verstanden, der sich auf der kognitiven wie emotionalen Ebene gleichermaßen ereignet. Dieser Vermittlungsprozess ließe sich bildhaft als Lern- oder Informationspfad beschreiben, der auch Hinweise darauf liefert, welche Informationen zu welchem Zeitpunkt benötigt werden.

          „Wissen kann nie als solches von einer Person zur anderen übermittelt werden. Die einzige Art und Weise, in der ein Organismus Wissen erwerben kann, besteht darin, es selbst aufzubauen oder für sich selbst zu konstruieren.“

          Ernst von Glasersfeld (1987)

          Selektive Informationsverarbeitung

          Die menschlichen Aufmerksamkeitsressourcen sind begrenzt und so werden längst nicht alle Informationen, die auf uns einströmen, bewusst wahrgenommen und verarbeitet. Damit Menschen auf Informationen aufmerksam werden, müssen diese situativ von Bedeutung sein und in den jeweiligen Kontext passen. Das gilt auch und insbesondere für Gesundheitsinformationen, denn Patientinnen und Patienten durchlaufen mit der Zeit unterschiedliche Krankheitsstadien, die mit einem sich ständig wandelnden Informationsbedarf einhergehen.

          Solche Stadien lassen sich etwa im Hinblick auf den individuellen Behandlungspfad beschreiben. Dieser beginnt häufig mit der Akutversorgung und einer ersten Diagnosestellung, die bei Patientinnen und Patienten zunächst den Bedarf nach grundlegenden Informationen zur jeweiligen Erkrankung wecken dürfte. In der nächsten Phase geht es um Therapieentscheidungen und möglicherweise auch die Auswahl einer spezialisierten Einrichtung für die weitere Behandlung. Während der Rehabilitation oder Nachsorge interessieren sich die Betroffenen weniger für Informationen zu Diagnose- und Behandlungsverfahren als vielmehr für Informationen und Unterstützung beim Umgang mit der jeweiligen Erkrankung.

          Die Erkenntnisse zum Einfluss unterschiedlicher Stadien auf die selektive Aufmerksamkeit kann auch mit dem klassischen Modell der Krankheitsbewältigung in Beziehung gesetzt werden. Demnach folgt der Diagnose einer schweren Erkrankung zunächst eine von Angst und Unruhe geprägte Phase, in der die Diagnose nicht selten verleugnet wird. Häufig folgt dem ersten Schock eine Phase der Wut und anschließend eine der Verzweiflung und persönlichen Verletzlichkeit. Nach einem inneren Aushandlungsprozess wird schließlich auf der letzten Stufe die Erkrankung akzeptiert und angenommen. Die beschriebenen Phasen sowie die damit verbundenen Affekte können die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen maßgeblich beeinflussen.

          Gesundheitsinformation werden oft auch mit dem Ziel erstellt, das individuelle Gesundheitsverhalten positiv zu beeinflussen oder ein Risikoverhalten zu minimieren. Hinweise auf die Frage, welche Informationen hier zu welchem Zeitpunkt von Bedeutung sind, liefern die gesundheitswissenschaftlichen Stadien- und Stufenmodelle des Gesundheitsverhaltens. Auch diese Modelle postulieren, dass Menschen auf dem Weg zu einer Verhaltensänderung immer eine Entwicklung mit verschiedenen Stufen durchlaufen.

          Zwischen Anspruch und Realität

          Die Stadien- und Stufenmodelle aus den Gesundheitswissenschaften machen deutlich, wie wichtig eine strukturierte und prozesshaft angelegte Informationsvermittlung ist, um informierte Entscheidungen zu ermöglichen und die individuelle Gesundheitskompetenz zu fördern. Sie legen nahe, dass immer nur solche Informationen angeboten werden sollten, die in der jeweiligen Krankheits-, Bewältigungs- und Versorgungsphase auch tatsächlich relevant sind.

          Die Realität ist jedoch eine andere: Meist werden Patientinnen und Patienten aus ganz unterschiedlichen Quellen mit Informationen unterschiedlicher Qualität überflutet. Sie führen Aufklärungsgespräche, erhalten Informationen über die Trefferlisten der Suchmaschinen, geraten in die Informationsblasen und Echokammern der sozialen Netzwerke, lesen Informationsbroschüren von Krankenversicherungen und erhalten engagierte Ratschläge aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis. All das passiert in der Regel parallel und unkoordiniert.

          „Wer im Internet nach Informationen sucht, dem geht es so wie jemandem, der um ein Glas Wasser bittet und aus einem Feuerwehrschlauch bedient wird und dabei nicht weiß, wo das Wasser herkommt.“

          Michael Scholz (WHO) 2003

          Die bislang praktizierte, unkoordinierte Bereitstellung und Verbreitung von Gesundheitsinformationen ist angesichts der Informationsflut im digitalen Zeitalter keine erfolgversprechende Strategie, um den Menschen gesunde Entscheidungen zu ermöglichen. Im Jahr 2019 forderte auch der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz die „Schaffung eines systematischen Informationsmanagements, das sich über den gesamten Krankheitsverlauf erstreckt“. Diesem Gedanken folgend, sollte die Informationsvermittlung in einen strukturierten Lernpfad eingebettet werden, der jeweils dem situativen Informations- und Unterstützungsbedarf sowie dem individuellen Kontext gerecht wird (vgl. Entdecken statt suchen: Prototyp für eine nationale Gesundheitsplattform).

          Literatur

          Ajzen I, Fishbein M (1980). Understanding Attitudes and Predicting Social Behavior Englewood Cliffs, NJ.

          Bandura A (1977). Self-efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review 84 (2). 191–215.

          Becker M H (1974). The Health Belief Model and Personal Health Behavior. Thorofare, NJ.

          Betsch T, Funke J, Plasser H (2011). Denken – Urteilen, Entscheiden, Problemlösen. Berlin.

          Broadbent D E (1958). Perception and Communication. London, New York.

          Kreuter M W, Strecher V J, Glassman B (1999). One size does not fit all. The case for tailoring print materials. Annals of Behavioral Medicine 21. 276–283.

          Noar S M, Benad C N, Harris M S (2007). Does tailoring matter? Meta-analytic review of tailored print health behavior change interventions. Psychol Bull. 133 (4). 673–693.

          Rogers R W (1975). A Protection Motivation Theory of Fear Appeals and Attitude Change. Journal of Psychology 91 (1). 93–114.

          Rosenstock I M (1966). Why people use health services. Milbank Memorial Fund Quarterly 44. 94–127.

          Schaeffer D, Moers M (2009). Schwerpunkt: Bewältigung chronischer Krankheit. Überlebensstrategien – ein Phasenmodell zum Charakter des Bewältigungshandelns chronisch Erkrankter. Pflege & Gesellschaft 13 (1).

          Schaeffer D, Hurrelmann K, Bauer U, Kolpatzik K (Hrsg.) (2018). Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Die Gesundheitskompetenz in Deutschland stärken. Berlin.

          Shannon C E, Weaver W (1949). The Mathematical Theory of Communication. Urbana, IL.

          Autor/Autorin

          Dr. Sebastian Schmidt-Kaehler ist als Co-Director mitverantwortlich für das Gesundheitsprogramm der Bertelsmann Stiftung. Zuvor arbeitete er als geschäftsführender Gesellschafter der Patientenprojekte GmbH, einer auf den Bereich der Patientenkommunikation spezialisierten Organisations- und Unternehmensberatung. Von 2011 bis 2015 war Schmidt-Kaehler Bundesgeschäftsführer der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). Er ist Mitglied im Expertenrat des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz.

          Dr. Inga Münch verantwortet das Projekt „Trusted Health Ecosystems“ der Bertelsmann Stiftung. Zuletzt hat sie in verschiedenen Projekten an den Schnittstellen Patientenzentrierung und digitale Gesundheit gearbeitet. Sie ist Gesundheitswissenschaftlerin und hat zum Konzept gesundheitskompetenter Organisationen promoviert. Zuvor hat sie in der Forschung an wissenschaftlichen Projekten im Bereich Gesundheitsbildung, Patientenorientierung und Gesundheitssystemforschung gearbeitet.



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